Kaum ein Thema ist in der modernen Berufswelt aktuell heißer diskutiert als Gleichstellung, Diversität und Politische Korrektheit. Endlich, finden wir! In einer kleinen Interviewreihe stellt Wir-Online-Redakteurin und Rechtswissenschafts-Studentin Wilma Gießen erfolgreiche und inspirierende Frauen an der SRH Hochschule Heidelberg vor und holt sich gleich konkrete Tipps. Heute: Prof. Dr. Julia Gokel. Sie ist seit Oktober 2016 an der Fakultät für Sozial- und Rechtswissenschaften in den Studiengängen Sozialrecht und Wirtschaftsrecht tätig.

 

Wann wussten Sie, dass Sie das richtige Studienfach gefunden haben?

Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich sagen, dass ich bis zum ersten Staatsexamen immer mal wieder Momente hatte, in denen ich damit gehadert habe, ob mein Studienfach das richtige für mich ist. Im Großen und Ganzen hat sich meine Wahl dann für mich mit fortlaufendem Studium bestätigt. Besonders im Referendariat, als die bis dato abstrakten Rechtsfälle endlich praktisch wurden, ist der Funken übergesprungen. Der große Vorteil am Jura-Studium ist zweifelsohne, dass man damit später beinahe alles machen kann. Die Rechtsgebiete und Tätigkeitsfelder sind so vielseitig, dass man sich immer neu erfinden kann.

Welche Tipps haben Sie für Studierende, um den Fokus in stressigen Lernphasen nicht zu verlieren?

Wenn ich an meine härtesten Lernphasen, die Examensvorbereitungen, zurückdenke, war für mich persönlich ein sportlicher Ausgleich immer sehr wichtig, um den Kopf freizukriegen – getreu dem alten lateinischen Sprichwort: „mens sana in corpore sano“ („nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“). Das muss aber natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Im Gegensatz zu einigen Kolleg*innen konnte ich nicht zehn Stunden am Stück oder länger lernen, das ging überhaupt nicht. Mit der Zeit lernt man, mit seinen eigenen Kräften hauszuhalten und sich diese sinnvoll einzuteilen.

Sie haben vor einiger Zeit neben zwei verschiedenen Jobs in verschiedenen Bundesländern und vorangegangener Promotion noch Ihren juristischen Masterabschluss (LL.M.) abgeschlossen. Wie haben Sie sich für diese Leistung selbst motiviert?

Ich hatte mich entschieden, im Medizinrecht zu arbeiten. Während meiner Tätigkeit in einer Kanzlei, für die ich quasi ins kalte Wasser gesprungen bin, habe ich gemerkt, dass ich gerne noch mehr theoretisches Wissen auf diesem Gebiet hätte. Der berufsbegleitende Master war hart, aber möglich; auch weil ich wusste, dass das Studium nur ein Jahr dauern würde und das „Leiden“ absehbar war. Wichtig für die Motivation sind Zwischenziele, für die man sich belohnt, zum Beispiel mit einem Kinobesuch oder einem netten Abendessen.

Waren Sie schon einmal in der Situation, dass man Sie aufgrund Ihres Alters trotz Ihrer akademischen Erfolge, wie zuletzt Ihrer Professur, unterschätzt hat – wenn ja, wie kann man damit umgehen?

Aufgrund meines Alters nicht, aber wohl aufgrund meines Geschlechts. Ein Beispiel: Wenn ich in der geschäftlichen Kommunikation meinen Vornamen nicht angebe und nur mit „Prof. Gokel“ unterzeichne, erhalte ich immer wieder als Antwort „Sehr geehrter Herr Prof. Gokel“. Auffällig ist auch, dass mein Mann, wenn ich gemeinsam mit ihm bei Veranstaltungen erscheine, immer wieder direkt mit dem akademischen Titel angesprochen wird und ich als „Frau Gokel“. Das heißt, dass in den Köpfen vieler Menschen der akademische Abschluss automatisch dem Mann zugesprochen wird. Die Frau wird leider viel zu häufig über den Mann wahrgenommen. Mein Mann weist dann immer höflich daraufhin, dass die Lorbeeren unverdient sind – unter uns scherzen wir manchmal, dass er eben im Standesamt promoviert wurde.

Wie gehen Sie mit negativen Begegnungen im beruflichen Kontext um?

Gut ist natürlich, man ist schlagfertig und schafft es, schnell einen lockeren Spruch zu entgegnen – was aber auch bei mir nicht immer der Fall ist. Wozu ich eigentlich rate, ist das spätere Arbeitsumfeld schon bei der Jobsuche nicht zu unterschätzen. Also nicht nur nach einer Stelle zu suchen, die einem inhaltlich Spaß macht und vielleicht auch Geld bringt, sondern sich auch die zukünftigen Kolleg*innen anzuschauen. Für mich ist es wesentlich, dass ich mich in einem angenehmen beruflichen Umfeld befinde und mich mit meinen Kolleg*innen verstehe, dies trägt meiner Erfahrung nach sehr zur beruflichen Zufriedenheit bei. So kommt es oft gar nicht erst zu negativen Begegnungen. Wenn es dann doch mal passieren sollte, rate ich dazu, die Situation zu übergehen – das Rückspiel kommt zu einem späteren Zeitpunkt sowieso, das lehrt die Erfahrung!

Was bereitet Ihnen an der Arbeit an einer Hochschule besondere Freude?

Ganz klar die Arbeit mit den Studierenden und die Entwicklung der einzelnen Biographien mitzuverfolgen, vom ersten Modul an bis zum Bachelor- oder  Masterabschluss. Neben dem Wissen, das die Studierenden über die Jahre anhäufen, ist es schön zu sehen, wie sich die einzelnen Persönlichkeiten entwickeln und reifen. Besondere Freude bereitet mir auch der Austausch mit den Studierenden. Es macht mir Freude, zu sehen, wenn sie sich an der Diskussion beteiligen, Sachverhalte kritisch hinterfragen und mich so selbst dazu anregen, Dinge auch mal anders zu betrachten. Diese lebendige Dynamik und dass ich einen sehr abwechslungsreichen Arbeitsalltag habe, macht sehr viel Spaß.

Zum Abschluss – welche generellen Tipps haben Sie für junge Frauen, die Karriere machen wollen?

Ich würde dazu raten, wirklich Mut zu haben. Wir Frauen müssen uns mehr zutrauen! Leider stellen Frauen ihr Licht häufig unter den Scheffel, und das vollkommen zu Unrecht. Manchmal muss man sich Dinge eben erst noch erarbeiten, das machen Männer ja auch so. Wenn man weiß, wohin man will, sollte man darauf hinarbeiten und nicht sofort sagen, dass man es nicht leisten kann, nur weil man es noch nie gemacht hat. Besonders in männerdominierten Führungsebenen wird zudem oft das Thema der Belastbarkeit genannt, also dass Frauen nicht so belastbar seien – über einen Mann habe ich das aber noch nie gehört. Dieser Punkt wird Frauen vielleicht deshalb, völlig zu Unrecht, zugeschoben, weil Frauen manchmal zögerlicher sind, wenn es darum geht, zuzugreifen. Deshalb möchte ich jungen Frauen Mut machen, sich mehr zuzutrauen; man schafft oft mehr, als man denkt!

Herzlichen Dank für dieses tolle Interview!