Mitleid – das wollen eigentlich die wenigsten Menschen. Unterstützung ist viel wichtiger. Warum der Rollstuhl eigentlich keine große Rolle spielt und warum ein langweiliger Bildungsweg auch Glück bedeuten kann – zwei Studierende der SRH Hochschule Heidelberg berichten.

Eigentlich wollte Tina Chemie studieren. Doch dann kam alles anders: Beim Dachdecken fiel sie vom Gerüst. Tetraplegie – Querschnittslähmung, lautete die Diagnose. Das war vor fünf Jahren, Tina war gerade 16 und stand ein Jahr vor dem Abitur. Nach einem einjährigen Krankenhausaufenthalt wusste sie: „Ich will nicht auf eine Assistenz angewiesen sein. In der Chemie muss man ja viele Substanzen mischen, experimentieren und herumhantieren. Diese Feinmotorik habe ich nicht mehr.“ Dafür aber verfiel sie auf das Thema Sozialarbeit. „Das Bild meiner Sozialarbeiterin im Krankenhaus hat mich geprägt. Anderen helfen, mit Menschen zusammenarbeiten, Empathie zeigen ohne Vorurteile zu haben – das liegt mir.“ So konzentrierte sie sich nach der Krankenhauszeit zunächst ganz auf die Schule und besuchte das Internat der Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd, 350 km entfernt von ihrer Heimat Hof in Oberfranken. „Im Krankenhaus war ich wie unter einer Kuppel. Stück für Stück bin ich in das wirkliche Leben zurückgekommen. Auch in der Stephen-Hawking-Schule, die ja eine integrative Schule ist, war ich noch sehr geschützt.“ Im Herbst 2020 begann sie schließlich ihr Studium Soziale Arbeit an der SRH Hochschule Heidelberg, als eine von rund 3.400 Studierenden.

Humor bricht das Eis

„Mir ist es wichtig, mit der Behinderung auf eigenen Beinen zu stehen“, sagt die Studentin. Zwischen ihren Kommiliton:innen fühlt sie sich sehr wohl und gut aufgenommen. „Ich habe einen krassen Humor. Das bricht manchmal das Eis“, gibt sie zu. Wenn eine Freundin sagt, sie habe keinen Bock mehr hier herumzustehen, lacht sie: „Kann ich verstehen. Ich bin froh zu sitzen!“ Der Rollstuhl sei ein Teil von ihr und für sie kein Problem.

Einsam fühlt sich die 21-Jährige nicht, auch nicht in Corona-Zeiten. Sie lebt im Wohnheim auf dem Campus, dort ist immer jemand. Auch den Kontakt mit den Lehrenden schätzt sie sehr: „Die Profs sind immer gut erreichbar. Sie unterstützen mich und haben Verständnis, wenn ich mal nicht da sein kann oder Probleme habe.“ Als Studierende im Reha-Status erhält sie einen Nachteilsausgleich. In ihrem Fall darf sie bei Klausuren einer Schreibassistenz diktieren, denn ihre Arme schmerzen nach einer längeren Zeit. Als „normales“ Kind geboren, kennt Tina beide Blickwinkel, mit und ohne Behinderung. Mitleid sei dabei für sie das Schlimmste: „Ich war vor dem Unfall ein Mensch und ich bin danach ein Mensch. Unterstützung ist viel wichtiger als Mitleid!“ Ein Grund mehr, sich in der sozialen Arbeit zu engagieren.

Unterstützung von allen Seiten

Alexander hat andere Stärken: Der BWL-Student liebt Zahlen und Fakten, will nach seinem Master in Management und Leadership in Richtung Controlling oder Projektmanagement gehen. Er hat das Larson-Syndrom – „eine Muskel-Gelenk-Nerven-Erkrankung, schön bunt zusammengemischt“, wie er selbst sagt. So hat er nie laufen gelernt. Aufgewachsen im kleinen Sonnenbühl auf der Schwäbischen Alb, hat auch er ab der fünften Klasse die Stephen-Hawking-Schule besucht. Zu seinen Mitschüler:innen, die in den unterschiedlichsten Teilen des Landes verstreut sind, hat er heute noch guten Kontakt. Im Wohnheim an der SRH Hochschule Heidelberg fühlt sich Alexander sehr wohl: „Ich habe die Pflege direkt vor Ort und werde bestens versorgt. Außerdem bin ich hier sehr flexibel, schnell in den Lehrveranstaltungen und kann mich nahezu barrierefrei bewegen.“ Seit dem ersten Tag im Jahr 2016, als er an der SRH Hochschule Heidelberg sein Studium aufnahm, steht Alexander im engen Kontakt mit Prof. Dr. Christian Johannsen, dem Beauftragten für das Studium mit Unterstützungsbedarf. Ob es um Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs durch eine Schreibassistenz oder durch ein erhöhtes Zeitkontingent in Prüfungen geht, auf Johannsens Unterstützung kann er immer setzen. Berührungsängste mit den Kommiliton:innen gab es anfangs minimal, „von beiden Seiten aus. Aber das hat sich schnell gelegt“, so Alexander. Dabei kommt dem 24-jährigen Master-Studenten das Studienmodell CORE entgegen, und zwar ganz unabhängig von seiner persönlichen Situation: „Wenn mir mal ein Thema nicht so liegt, kann ich es nach fünf Wochen abhaken. Und in den kleinen Gruppengrößen fällt mir der Austausch sehr viel leichter.“ Schule, Bachelor, Master: „Mein Bildungsweg klingt eigentlich ganz langweilig“, findet er. „Es gab keine großen Kurven, keine Hürden. Das ist eigentlich ein Glück.“ Denn auch er weiß, dass Selbständigkeit nicht selbstverständlich ist.