Seit 2015 hat die SRH Hochschule Heidelberg zwei Patenkinder in Ghana, Kenneth und Prince. Der Verein ASASE e.V. berichtet über das Netzwerktreffen in Mankoadze.

Ein sonniger Samstagmorgen. Wir warten gespannt auf die ASASEMBA, die Kinder von ASASE. Diesen Namen gaben sich unsere Patenkinder anlässlich des Netzwerktreffens im August 2016 und er ist der Ausdruck eines Zusammengehörigkeitsgefühls, die Basis für einen offenen und ideenreichen Austausch von Erfahrungen, Themen und Ratschlägen. „Wir“, das sind Jerry, Ogyi (Betreuer Mankoadze), Nyarko (Betreuer Sampa) und ich, aber auch
Norbert Ambenne und Esther Amoak, die heutigen Referenten und Ideengeber von außen.

Es ist zwar schon 10:00 Uhr bis der Letzte in den Seminarraum „hineingekleckert“ ist, aber dann geht es ohne Umschweife zur Sache: Verantwortung übernehmen ist das Thema des Tages und Norbert, pensionierter Chemieingenieur, Journalist und neuerdings auch Berater der neu amtierenden Regierung, fordert volle Konzentration. Er macht in seinem Vortrag klar, dass in einer demokratischen Gesellschaft die Übernahme von Verantwortung und Pflichten Hand in Hand geht mit der Inanspruchnahme und dem Genuss von Rechten. Laut Norbert stehen auf der Hitliste der trendigsten Wörter in Ghana die Begriffe Demokratie, Menschenrechte und Meinungsfreiheit ganz oben, aber um die moralische Verpflichtung, sich verantwortungsvoll in allen Lebensbereichen zu verhalten, sei es in Ghana ziemlich schlecht bestellt. Ohne verantwortliches Verhalten eines jeden Einzelnen, gibt es keine garantierten Rechte in einer stabilen Gesellschaft mit demokratischen Standards. Die Message sitzt.

Die zum Teil philosophischen Ausführungen werden allerdings nicht von allen verstanden, aber jetzt ist Ogyi an der Reihe und übersetzt Norberts eindringlichen Vortrag aus dem Englischen ins Fanti, der Muttersprache der meisten unserer Patenkinder. Mit seinem Humor und seinem Sprachwitz greift er tief in die Rhetorikkiste des Fanti, würzt mit deftigen Sprichwörtern, Metaphern und eindrücklichen Beispielen aus dem Alltag. Er trifft den richtigen Fanti-Ton, die Lacher bleiben nicht aus und das Thema hat danach sowohl an Leichtigkeit als auch an Relevanz gewonnen.

Esther, die Krankenschwester aus einem Nachbarort, übernimmt ihren Part und lenkt das Thema auf selbstverantwortliches Handeln im Alltag, beginnend mit der Hygiene und Wertschätzung des eigenen Körpers und seinen Entwicklungen.  Viele ASASEMBA sind mitten in der Pubertät und unsere langjährige Erfahrung als Betreuer hat uns gelehrt, dass das gute Überstehen der Adoleszens, vor allem auf dem Hintergrund zerbrechlicher und unsicherer Lebensverhältnisse, für den Lebenserfolg entscheidend ist.  Teenagerschwangerschaften, sexuell übertragene Krankheiten, Alkohol, Glückspiele oder das Abrutschen in zweifelhafte Freundeskreise sind nicht so selten und können, vor allem bei Kindern, deren Eltern wenig Erziehungsleistung bringen, eine gut begonnene Ausbildung schnell zunichte machen.

Um eine freiere Aussprache zu ermöglichen, trennen wir die Teilnehmer nach der gemeinsamen Einführung in eine Mädchen/Frauengruppe und eine Jungs/Männergruppe. Mit viel Geduld, Charme und Einfühlungsvermögen, aber auch mit erstaunlicher Klarheit und Direktheit führt Esther das Gespräch der Mädchen. Es ist bestürzend zu erleben, wie schwer es den Mädchen fällt, über ihren Körper und sexuelle Gefühle zu sprechen. Ich weiß, dass einige schon ein Kind haben und dass mindestens eine gerade schwanger ist. Sie sitzen in der Runde wie versteinert.

Esther hatte mir in einem Vorgespräch schon mitgeteilt, dass das offene Sprechen über Sexualität, zumindest auf dem Dorf, ein Tabuthema ist. Aber sie bleibt im Gespräch mit den Mädchen beharrlich, sucht den Blickkontakt, erzählt Persönliches und ermuntert zum Reden bis schließlich die erste Jugendliche das Schweigen bricht. Jetzt wird deutlich, wie groß der Redebedarf eigentlich ist und die Mädchen stellen viele Fragen bezüglich Menstruation, Körperhygiene, Schwangerschaft und Verhütung. Esther nimmt jede Frage und jeden Redebeitrag gleichermaßen ernst und antwortet kompetent und verständnisvoll. Irgendwann mache ich einen Abstecher zu den Jungs, die in lockerer Stimmung unter der Leitung von Nyarko unter einem Mangobaum tagen.

Dort nimmt niemand ein Blatt vor den Mund: Von „Ölwechsel“ (übersetzt aus dem Fanti), dem nächtlichen Samenerguss zu Beginn der Pubertät ist gerade die Rede. Herzhaftes Lachen. Erwartunsgemäß gehen die Jungs mit dem Thema unblockierter um. Ein zentrales Thema ist auch in dieser Gruppe, wie man sexuelle Gefühle und Fantasien kontrollieren kann. Die Strategien sind ähnlich wie bei den Mädchen: ein gutes „Mindsetting“, sich auf ein Ziel fokussieren, Vorbilder nachahmen, ermutigende Vertrauenspersonen und Eltern involvieren und bei den Jungs natürlich auch Fußball :))

Gegen Mittag lenkt der Duft des traditionellen Fanti-Essens Kenke mit Fisch die Gedanken auf das leibliche Wohl und wir machen eine Pause, die auch Gelegenheit bietet, in Kleingruppen weiter zu diskutieren oder sich am weiten Strand von Mankoadze mit Blick auf den Horizont zurückzuziehen. Im Plenum nach der Mittagspause werden die Ergebnisse der Gesprächsrunden in heiterer und angeregter Stimmung ausgetauscht.

„We are the best of Ghana“, höre ich Wahab im Brustton der Überzeugung sagen und er erinnert abschließend alle Teilnehmer an die Regeln der selbst organisierten Whats App- Gruppe. Das gute Funktionieren dieser Plattform ist auch ein Lernprozess, aber der talentierte Kenneth zeigt als Administrator gute Führungsqualitäten in dieser Gruppe und versucht, möglichst viele Patenkinder in den Austausch von relevanten Informationen und eigenen Meinungen zu integrieren.

Das Seminar neigt sich dem Ende zu. In Ghana herrscht eine ausgesprochen gute Gesprächskultur mit klaren Regeln. Die Aufforderung unsererseits, dass ein Mädchen in traditioneller Weise die Veranstaltung schließen möge, ergreift spontan Esther, eine unserer Studentinnen.

Sie formuliert zunächst eine Danksagung an alle Anwesenden und Patinnen und Paten in Deutschland. Dann weist sie darauf hin, dass zum dritten Mal in Folge das im August übliche graue Regenwetter ausgeblieben ist und sagt bedeutungsvoll: „Der Himmel öffnet sich immer, wenn wir uns treffen. Das allein bedeutet etwas Gutes“. Danach löst sich die Veranstaltung langsam auf, denn einige müssen noch beschwerliche und lange Rückwege nach Hause antreten.

Ich beobachte, wie eine Handvoll junger Leute noch diskutierend im Garten stehen bleibt. Wahab, Alina und Kenneth winken mich herüber. „Können wir im nächsten Jahr das ASASEMBA-Treffen selbst organisieren und um einen Nachmittag erweitern? Wir würden auch gerne eine(n) aus unseren Reihen auf’s Podium schicken“. Das Thema Verantwortung übernehmen ist angekommen.

Wir alle freuen uns, mehr kann man gar nicht erwarten und genießen den Erfolg dieses ASASEMBA –Treffens.

Ihr alle seid ein Teil dieses gelungenen Selbsthilfeprojektes und wir danken euch herzlich für eure treue Unterstützung.

Beste Grüße aus Mankoadze, gesüßt mit Ananas, Mango und Papaya
Eva, Jerry, Nyarko und Ogyi