Nach wochenlangem Alltag im Krisenmodus werden Unsicherheit und Angst zunehmend von anderen Empfindungen abgelöst: Melancholie, Gereiztheit, Frust und Ärger. Prof. Helena Dimou-Diringer und Dr. Alexander mit Tipps gegen den Corona-Blues.

Die Videotelefonate mit Freunden sind ausgelutscht, Netflix hat Ihnen schon seit drei Wochen nichts Neues mehr zu bieten und die lang ersehnten Lockerungen, die nun Schritt für Schritt umgesetzt werden, fühlen sich irgendwie nicht so gut an, wie erhofft! Die Devise: Hauptsache überhaupt mal wieder essen gehen, auch wenn der Kellner im halben Schutzanzug eine laminierte Karte überreicht und die Leibspeise auf Einwegtischdecken platziert – für viele Menschen nicht gerade prickelnd.

Es nervt! Wir haben keine Lust mehr und wollen unser altes Leben zurück. Tja, das Virus interessiert das nur herzlich wenig.

Daher müssen wir selbst aktiv werden – Wie? Verraten wir Ihnen hier!

1. Schöne neue Welt? Ansichtssache!

Sie waren wahnsinnig diszipliniert! Sie sind es normalerweise gewohnt, mittags mit Kollegen essen zu gehen und pflegen sich gerne – in den letzten Wochen mussten Sie darauf verzichten und tragen nun den, naja, sagen wir mal natürlichen Look. Sie haben durchgehalten, immer im Hinterkopf, dass wieder andere Zeiten kommen werden. Und die kommen nun so langsam.

Viele Dienstleister, wie Gastronomie, Friseursalons, Kosmetikstudios etc. haben wieder geöffnet und verheißen uns die lang ersehnte Normalität. Doch wer vielleicht schon einen der begehrten Termine beim Friseur seines Vertrauens ergattert hat, merkt: Alles ist ziemlich anders!

Wir sind Gewohnheitstiere und haben ein Skript im Kopf, wie Dinge laufen. Diese Skripte basieren vor allem auf früheren Erfahrungen: Wir haben gelernt, wie ein Restaurant- oder Friseurbesuch abläuft. Und darauf haben wir uns gefreut. Daher steht jetzt die große Enttäuschung an, denn: Der Wohlfühlfaktor bleibt aus. Dienstleistungen sind wörtlich zu verstehen: Ich gehe essen, um satt zu werden. Ich gehe zum Friseur, damit meine Haare kürzer sind – ja, soweit so gut. Doch all diese Dinge gaben uns so viel mehr: der nette Klatsch mit dem mittlerweile befreundeten Coiffeur, das entspannte Ambiente beim Lieblingsitaliener.

Jetzt liegt es an uns, neue Aspekte zu identifizieren, die aus der reinen Dienstleistung eine Wohlfühlangelegenheit machen: z. B. die gewonnene Privatsphäre beim Essen, da der nächste Tisch eben nicht mehr nur 5 cm entfernt steht oder aber die beruhigende Stille beim Friseur, die uns vielleicht eine ganz neue Art der Entspannung bringt.

Es liegt an Ihnen!

2. Den Frust kontrolliert rauslassen

Es nervt und nervt und nervt … Momentan lassen wir uns nicht mehr so leicht trösten und auch die positivsten Menschen kommen vielleicht an ihre Grenzen. Völlig legitim. Wir raten Ihnen sogar dazu: Einmal am Tag sollten Sie den Timer auf 15 Minuten stellen und losmeckern! Jammern und ärgern Sie sich so richtig ausgiebig, laden Sie mal alles ab!

Sie fragen sich gerade, ob uns der Corona-Blues auch in seine Mangel genommen hat? Ja, aber das ist ein anderes Thema. 🙂 Wir meinen diesen Tipp tatsächlich ernst, auch wenn er sich erst mal kontraproduktiv anhört! Denn: Wenn Sie sich jeden Tag ein 15-minütiges Meckern verschreiben, dann fällt Ihnen das spätestens nach Tag 2 gar nicht mehr so leicht.

Wichtig: Es geht nicht darum, nach Lust und Laune zu meckern, sondern jeden Tag, zur gleichen Zeit und zwar immer 15 Minuten lang – auch wenn Ihnen gar nicht danach ist!

Sie werden schnell genug davon haben und das Bedürfnis sich aufzuregen nimmt ab.

3. Lassen Sie mal Fünfe gerade sein

Wir waren noch nie mit so vielen Verboten von außen konfrontiert, wie jetzt gerade. Tatsächlich erlegen wir uns eher selbst Verbote auf: Ich darf nur ein Stück Kuchen essen! Ich muss heute Abend zum Sport und sollte lieber nicht auf der Couch liegen! Ich muss die Präsentation unbedingt noch fertig machen. Kennen Sie, oder?

Gerade sind wir also mit Verboten aus zwei Richtungen konfrontiert und das macht natürlich schlechte Stimmung. Vielleicht ahnen Sie es: Es gibt dadurch aber eine Stelle, an der Sie Einfluss nehmen können, einen Regler sozusagen, an dem es möglich ist, zu drehen: nämlich an Ihren eigenen Verboten. Konkret heißt das: Erlauben Sie sich auch die Dinge, auf die Sie sonst eher verzichten würden. Ansonsten geht Ihnen ein Gefühl von Freiheit verloren, was sich sehr ungünstig auswirken kann. Übersprungshandlungen sind praktisch vorprogrammiert, denn der Wunsch nach Freiheit bahnt sich seinen Weg und zeigt sich häufig wie der Jojo-Effekt bei einer Diät: Langer Verzicht führt irgendwann zum Fressanfall. Daher: Weiten Sie Ihre Grenzen und persönlichen Verbote etwas aus, um ein Gleichgewicht herzustellen.

4. Sparen Sie sich ein schlechtes Gewissen

Klar, vielen Menschen geht es gerade noch schlechter! Dieser Abwärtsvergleich kann sinnvoll sein, um das zu fokussieren, was gut läuft und für das dankbar zu sein, was man hat.

Das heißt aber nicht, dass Ihre Sorgen unberechtigt oder „klein“ sind. Es passiert allzu schnell, dass wir uns für unseren Frust, unsere Angst oder unseren Ärger in dieser Zeit schämen, wenn wir mit anderen Schicksalen konfrontiert werden. Und der Dankbarkeit, die initial einsetzt, folgt allzu schnell das schlechte Gewissen! „Wieso beschwere ich mich eigentlich?“ „Ich habe nun wirklich keinen Grund, mich so zu fühlen“ – Stopp! Sie haben allen Grund, schlecht drauf zu sein und alle Gefühle, die Sie gerade empfinden, sind aus einem bestimmten Grund da und somit völlig gerechtfertigt. Dieses Bewusstsein kann Erleichterung schaffen und die haben wir uns gerade alle auch bitterlich verdient.

5. Homeoffice

Wie verlockend – gehören Sie auch zu denjenigen, die sich das Homeoffice noch vor wenigen Wochen in den schillerndsten Farben ausgemalt haben? Kein Berufsverkehr, kein Stau, endlich mal nicht jede Woche ein Vermögen an der Tankstelle lassen und den ein oder anderen Kollegen nicht jeden Tag sehen müssen? Herrlich!

Das Fazit nach nunmehr knapp 8 Wochen Arbeit im eigenen Heim dürfte weniger enthusiastisch ausfallen. Uns ist natürlich klar: Sie haben das alles geschafft, irgendwie, und der ein oder andere arbeitet nun auch wieder vor Ort. Dennoch: Das Homeoffice könnte künftig einen etwas größeren Teil unserer Lebensrealität darstellen als zuvor. Um mittelfristig Frust zu vermeiden, ziehen Sie ein erstes Fazit: Was hat schon gut geklappt im Heimbüro und wo sehen Sie Verbesserungsbedarf? Das hilft auch, wenn Sie die nächsten Wochen erst mal noch von zuhause aus arbeiten werden.

Hier geht es zu den bisher erschienenen Tipps der Reihe „Corona contra geben“:

Ansteckungsangst
Belastungen in systemrelevanten Berufen
Homeschooling
Homo Corona
Konflikte meistern
Immun gegen Corona