Jung sein – das bedeutet Freiheit, Abnabelung und die Welt sehen bei gleichzeitig überschaubaren Pflichten. Erwachsensein light sozusagen: viele Rechte und nur wenige Pflichten. Eine wichtige Ausgangslage für eine gesunde Entwicklung und den guten Übergang ins Erwachsenenalter. In Zeiten von Corona steht nun alles Kopf: die Jugend sieht sich vielen Einschränkungen und Verpflichtungen gegenüber. Ihr wird ein hohes Maß an Verantwortung abverlangt, welches nicht in diese Lebensphase passt. Denn Fakt ist: die Jugend ist vom Virus weniger betroffen, von den Maßnahmen aber stärker. Doch wie damit umgehen?

1. Erstmal richtig ausk… äh auslassen!

Bevor wir uns konstruktiv und professionell auf Lösungssuche begeben, sollten wir zunächst einmal folgendes tun: so richtig motzen! Alles im Sinne der Katharsis versteht sich. Ihr jugendliches Kind darf sich mal so richtig beklagen, jammern und motzen. Zeigen Sie Verständnis und valideren Sie die Gefühle Ihres Kindes. Schließlich wird uns allen Zeit genommen, die nie wieder zurückkommt. Vor allem in der Jugend schmerzt dieser Umstand besonders. Mit Sätzen wie „Ich kann verstehen, dass du sauer bist“ helfen Sie Ihrem Kind, sich verstanden zu fühlen. Außerdem wirken sie deeskalierend. Und nachdem Sie wahnsinnig verständnisvoll waren, dürfen Sie sich abends bei Ihrem Partner auslassen.
So, tat gut, oder? Dann lassen Sie uns jetzt nach Lösungen für die Situation suchen.

2. Familie ist Silber, Freunde sind Gold

Im Teenager-Alter gewinnen Freundschaften zu Gleichaltrigen, sogenannten Peers, an enormer Bedeutung. Sie stellen neben den Beziehungen zu primären Bezugspersonen, also den Eltern und der Familie als Ganzes, wichtige zwischenmenschliche Kontakte dar, die Raum für Austausch und Unterstützung bieten. Die Familie spielt zunehmend eine Nebenrolle bei der Emotionsregulation oder Unterstützung bei alterstypischen Problemen. Daher stellen die massiven Kontaktbeschränkungen in diesem Alter ein großes Problem dar. Digitale Treffen mit Freunden erscheinen da als Alternative nur wenig attraktiv. Seien Sie sich als Eltern eines Jugendlichen bewusst: Sie selbst können gerade nur bedingt hilfreich sein. Lassen Sie daher Kontakte zu Gleichaltrigen soweit wie möglich zu. Zumindest der beste Freund oder die beste Freundin sollte noch ein willkommener Gast in Ihrem Zuhause sein, denn: neben körperlichen Gesundheitsfolgen gilt es, auch auf die psychische Entwicklung unserer Kinder zu achten, die durch das Virus ebenfalls betroffen ist.

3. Verdrehte Welt

In der Corona-Krise sorgen sich viele Jugendliche um ihre Familien: Eltern und Großeltern stehen im Fokus der Angst. Eigentlich sollte es andersherum sein. Die Jugend als unbeschwerte Zeit wird somit belastet. Bieten Sie ein offenes Ohr für Ihr Kind. Aktuell fallen viele Kontakte weg, mit denen es Probleme ansonsten besprechen könnte. Stellen Sie sich zur Verfügung und helfen Sie Ihrem Kind, seine Sorgen realistisch einzuordnen. Vielleicht können Sie gleichzeitig Bereiche schaffen, in denen Ihr Kind ganz unbeschwert sein kann? Wie wäre es z. B. mit einer Woche frei von den üblichen Haushaltspflichten? Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

4. Eine stabile Basis schaffen

In der Pubertät, einer Phase des Umbruchs, geht es darum, sich auszuprobieren, herauszufinden wer man ist und sich abzunabeln. Grenzen sind hierfür nicht hilfreich. Unglücklicherweise sind Grenzen jedoch das Stichwort der Stunde. Trotz enorm eng gesetzter Grenzen müssen sich Jugendliche als selbstwirksam erleben, um in der aktuellen Krisenzeit bestehen zu können. Gute, stabile Beziehungen bilden dabei die Basis. Welche Bereiche liegen noch unter der Kontrolle des Jugendlichen? Welche Settings können betont betrachtet und vielleicht sogar ausgebaut werden? Helfen Sie Ihrem Kind, sich verstärkt auf Bereiche zu konzentrieren, die ein Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit bieten. Denken Sie z. B. über die Anschaffung eines (kleinen) Haustieres nach, unterstützen Sie den Wunsch Ihres Kindes, eine neue Sportart oder ein Instrument zu erlernen oder aber lassen Sie Ihr Kind für eine bestimmte Zeit lang das Abendessen bestimmen. Ermutigen Sie es außerdem, Beziehungen außerhalb der Familie zu pflegen. Somit kann der Verlust von sich Ausprobieren und Experimentieren zwar nicht ersetzt werden, jedoch können mögliche psychische Folgen der Krise durch ein stabiles Fundament abgefedert werden.

5. Laaaaaaaaaaangweilig!

Neben all den Gefahren und Ängsten, die die aktuelle Krise mit sich bringt, ist sie aber auch vor allem eins: langweilig! Klar, auch Langeweile lässt sich mal aushalten, aber bedenken Sie die Länge der Zeitspanne, die bereits hinter uns liegt. Daher wird es so langsam wichtig, der Langeweile entgegenzusteuern, um so z. B. auch depressiven Verstimmungen vorzubeugen. Dabei bieten sich die folgenden Aktivitäten (nicht nur für Jugendliche) an: etwas Neues lernen, z. B. eine Sprache oder ein Instrument, sich einen Neben- oder Minijob suchen, sich ehrenamtlich engagieren, eine neue Sportart ausprobieren – all diese Dinge haben etwas gemeinsam: sie lenken ab und sind sinnstiftend.
Alles zu öde? Dann haben wir die ultimative Herausforderung für Sie: Das schwierigste Puzzle der Welt heißt „Krypt Black“ und besteht aus 736 komplett schwarzen Teilen – viel Spaß!

6. Je seichter desto besser

Sie nehmen Ihren elterlichen Bildungsauftrag sehr ernst – toll! Aber gerade jetzt ist es wichtig, dass sich Jugendliche von dem Elend der Zeit ablenken können. Und wie wäre das besser möglich als über Tik Tok, Snapchat, Youtube und Instagram? Klar, in gewöhnlicheren Zeiten nicht unbedingt unsere Vorstellung von sinnvoller Freizeitgestaltung, aber wissen Sie noch? Gerade wütet Corona und da dürfen Sie auch mal zu unorthodoxen Mitteln greifen: genehmigen Sie Ihrem Kind eine Extra-Portion Internetzeit und bereiten Sie ihm zumindest hierdurch ein paar unbeschwerte Stunden. Vielleicht können Sie nicht nachvollziehen, wie eine Diskussion über Katzenvideos mit der besten Freundin mehrere Stunden dauern kann oder welche Daseinsberechtigung der „Beruf“ Youtuber hat, aber hey, die Not kennt kein Gebot. Also machen Sie sich locker! #yolo

7. Toleranz. Punkt.

Klar, Sie sind im Homeoffice, müssen sich um Ihre Kinder kümmern und haben nur wenig Ausgleich. Das ist viel und überfordert Sie an dem ein oder anderen Tag mit Sicherheit. Da wirken die Einschränkungen auf die Jugend für Sie vielleicht wie ein Klacks: keine Partys, keine Freunde treffen, keine Reisen – und jetzt? Davon geht die Welt schließlich nicht unter. Und finanzielle Sorgen stellen für Jugendliche ebenfalls ein Fremdwort dar. Falsch gedacht! Ihr jugendliches Kind verzichtet gerade auf ganz schön viel und zwar nicht nur auf Spaß, sondern auf wichtige Entwicklungsräume. Partys, Freunde, Reisen, Ausgehen, Sport in der Gruppe, all diese Gelegenheiten unterstützen unsere Kinder in ihrer Entwicklung: Sie erleben sich in einer Gruppe, erhalten Informationen darüber, wie sie von anderen wahrgenommen werden und können darüber herausfinden, wie sie sein möchten, welche Werte ihnen wichtig sind. All diese Dinge liegen gerade auf Eis. Machen Sie sich immer wieder klar, wie schwer diese Phase unter den bestehenden Beschränkungen ist und zeigen Sie Verständnis beim nächsten Konflikt. Sollten Sie sich selbst belastet fühlen, dann suchen Sie sich Hilfe und versuchen Sie, Ihre eigene Belastung nicht auf Ihr Kind zu übertragen.

Zu guter Letzt

Ja, ja, die heutige Jugend: unvernünftig und egoistisch… Von wegen! Die so viel geschimpfte Jugend von heute verhält sich vernünftig und besonnen. Sie zeigt viel Solidarität und übt sich in Verzicht, um gefährdete Bevölkerungsgruppen zu schützen. Das belegen jetzt sogar die Ergebnisse der aktuellen SINUS-Jugendstudie (2020) aus Heidelberg, die die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Einstellungen sowie den Lebenswandel von Jugendlichen näher untersucht. Die qualitativ-empirische Studie, die alle vier Jahre 14- bis 17-Jährige untersucht, zeigt eindeutig, dass sich die Jugend größtenteils solidarisch und empathisch zeigt und die Maßnahmen zum Schutze aller ohne größeres Murren mitträgt – also machen Sie sich klar: Ihr Kind verhält sich gerade ziemlich erwachsen. Tatsächlich wird dieser Befund ebenfalls durch die Hirnforschung gestützt: Zwar finden in den Gehirnen Jugendlicher Wachstumsschübe statt, die mit jenen im Säuglings- und Kleinkindalter vergleichbar sind, klar ist aber auch, dass insbesondere das Vorderhirn aktiv ist, was darauf hindeutet, dass Situationen eher rational abgewogen werden. Darüber hinaus können Jugendliche auf deutlich weniger Erfahrungen zurück greifen, auch das führt dazu, dass sie sich viel stärker auf Logik in ihren Entscheidungsfindungen berufen. Wir Erwachsene greifen häufig intuitiv auf Vorerfahrungen zurück, ohne die Dinge rational zu analysieren. Haben wir also zahlreiche negative Erfahrungen im Laufe unseres Lebens gesammelt, so reagieren wir tendenziell eher abwehrend auf potentiell gefährliche Situationen. Die Logik können wir uns also von den Jugendlichen getrost abschauen. Einen Gesamtüberblick über die Ergebnisse der SINUS-Studie erhalten Sie über die Bundeszentrale für politische Bildung.

Hier geht es zu den bisher erschienenen Tipps der Reihe „Corona contra geben“:

Ansteckungsangst
Belastungen in systemrelevanten Berufen
Homeschooling
Homo Corona
Konflikte meistern
Immun gegen Corona
Corona-Blues
Corona-Virus und Freundschaften

Schulfit

Gegen die Unfreundlichkeit

Weihnachten und Corona