Prof. Dr. Helena Dimou-Diringer und Dr. Alexandra Edinger von der HAP geben heute Tipps, wie Familien diese Zeit unbeschadet überstehen können.

Die Hoffnungen für 2021 waren groß, vielleicht zu groß, denn die Nation befindet sich erneut im Lockdown und teilweise in einer großen Depression. Die erste Euphorie im Zusammenhang mit dem Impfstart kurz vor dem Jahreswechsel scheint spätestens seit den ersten Lieferengpässen des begehrten Serums abgeflaut. Insbesondere die Familien stehen vor einem erneuten Stresstest, denn: Kitas und Schulen sind zu. Ausgang? Bisher ungewiss. Die Nerven liegen mittlerweile blank und guter Rat scheint teuer. Alle Stressoren, die Corona so mit sich bringt, zeigen sich besonders deutlich im Mikrokosmos Familie. Wie Familien diese Zeit unbeschadet überstehen können, erfahren Sie hier.

1. Eltern, schaut nach euch!

Eltern haben in erster Linie ihre Kinder im Blick: wie meistern die Kleinen oder mittlerweile Großen die Krise? Wie können sie optimal unterstützt werden? Das ist natürlich wichtig und gut. Fakt ist allerdings auch, dass Eltern nun mal auch „nur Menschen“ sind. Daher der Aufruf: Eltern, schaut nach euch. Denn Kinder merken sofort, wenn es ihren Eltern nicht gut geht oder etwas nicht stimmt, egal wie gut die Miene zum bösen Spiel auch sein mag. Bleiben Sie authentisch. Wenn es Ihnen mit der Situation mal nicht gut geht, dann versuchen Sie nicht, das zu kaschieren. So können Sie Ihren Kindern einen guten Umgang mit negativ empfundenen Gefühlen vorleben. Außerdem nimmt es Druck von Ihren Schultern. Denn eine gute Kindheit heißt nicht, dass sich die Kleinen nicht in Verzicht üben müssen. Und je stabiler und ausgeglichener Sie sind, desto ausgeglichener und sicherer fühlen sich auch Ihre Kinder. Also erlauben Sie sich auch mal „kindfreie Phasen“ und frönen Sie Ihren, noch verbliebenen, Vergnügungen – ja, ohne schlechtes Gewissen.

2. Empty Nest Syndrom? Nicht in Zeiten von Corona

Empty Nest: das bedeutet, dass die Kinder flügge werden und ausziehen. Für Eltern häufig eine emotionale Phase und eine Zeit des Umbruchs. Im Fokus steht nun wieder vermehrt die eigene Person oder die Partnerschaft. Das aufopferungsvolle Kümmern um ein Kind entfällt. In Zeiten von Corona erleben viele Familien das Gegenteil: die erwachsenen Kinder ziehen wieder ein! Gerade Studenten, die ansonsten einsam in einem Wohnheimzimmer hausen würden, kehren gerne wieder zurück ins elterliche Heim. Für viele Eltern erst einmal eine schöne Vorstellung, aber halt: Ihr Kind ist mittlerweile selbständiger geworden, was wiederum das Konfliktpotential zu Hause anfachen kann. Falls Sie sich dieser Situation gegenüber sehen, heißt das Rezept: Akzeptanz und gegenseitiger Respekt. Sie haben es mittlerweile mit einem anderen Erwachsenen zu tun und nicht mehr mit einem Kind. Daher lassen Sie Ihrem erwachsenen Kind Freiraum und versuchen Sie nicht, ihm alles abzunehmen. Lassen Sie sich doch auch ein bisschen verwöhnen und Ihr Kind kochen. Nicht, dass wir in ein paar Jahren in den Fachbüchern von einem Full Nest Syndrom als Relikt aus Corona-Zeiten lesen müssen!

3. Corona einfach mal aussetzen

Leider können wir nicht einfach einen Pausenknopf betätigen und die Krise aussetzen. Doch wir können darauf achten, uns nicht ununterbrochen mit Corona-News zu versorgen. Dies sollte insbesondere bei Kindern beachtet werden. Die Dauerbeschallung zu Corona-Neuheiten belastet und drückt die Stimmung. Also: einfach mal den Fernseher ausschalten, Tablet und Handy weglegen. Wir vergessen schon nicht, was gerade draußen los ist, versprochen!

4. Eltern, die neuen Animateure

Mit dem Lockdown wurde nicht nur der Schulunterricht und die Kinderbetreuung unterbrochen, sondern auch die Freizeit- und Vereinsaktivitäten der Kinder. Somit verzichten die Kinder nicht nur auf Schulunterricht, sondern auch auf Fußball, Schwimmen, Handball, Turnen, Tanzen und Co. Das bedeutet für Sie wiederum, dass Sie nicht nur den Lehrer ersetzen, sondern auch darauf achten müssen, dass Ihre Kleinen genügend Auslauf bekommen, um abends halbwegs müde zu sein. Gerade jetzt fällt auch die falsche Ernährung als Frustkiller, im wahrsten Sinne des Wortes, deutlich mehr ins Gewicht als sonst. Daher sollten Sie auf genügend körperliche Bewegung der ganzen Familie achten. Das hilft nicht nur bei Frust und Stress, sondern gleicht auch die ein oder andere kulinarische Sünde aus. Wir raten zu Bewegung, die gar nicht explizit als Sport wahrgenommen wird. Verpacken Sie die Bewegung in Spaß: klettern Sie mit Ihren Kindern auf Bäume, machen Sie ein Wettrennen oder gehen Sie mal Geocachen. Viel Spaß!

5. Ausmisten

Keine Sorge, wir raten Ihnen jetzt nicht, Ihren Speicher oder die Garage aufzuräumen, sondern Ihr Leben! Ok, klingt zugegebenermaßen pathetisch, aber was wir damit meinen, ist folgendes: Alles, was im Leben ohnehin schon schwer war, wird durch die Pandemie noch verschärft. Vielleicht die Gelegenheit, grundsätzlich Dinge zu überdenken. Zwar sollte man in Ausnahmesituationen keine weitreichenden Entscheidungen treffen, dennoch lohnt es sich, den einen oder anderen Aspekt des eigenen Lebens kritisch zu hinterfragen. Klar, es ist toll, dass Sie sich zusätzlich noch im Förderverein der Schule engagieren oder als Elternbeirat aktiv sind, aber eigentlich stresst es Sie schon lange, ohne nennenswerte Hilfe jedes Schulfest oder jeden Kuchenverkauf der Klasse zu organisieren. Fragen Sie sich ganz ehrlich, ob Sie das nach Ende der Beschränkungen immer noch möchten. Richten Sie den Blick auf das, was Ihnen wirklich wichtig ist und misten Sie für sich und Ihre Familie vielleicht so manche althergebrachte Verpflichtung aus. Die frei gewordene Zeit können Sie dann für neue Rituale nutzen: z. B. gemeinsames Kochen und Spielen. Corona zeigt uns nämlich auch, was am Ende des Tages zählt: die Familie.

6. Die Situation ist anders, die Maßnahmen bleiben gleich

Die aktuelle Situation gestaltet sich anders als im 1. Lockdown: im Frühjahr 2020 war die Situation neu und spannend. Kinder mussten nicht mehr in die Schule, die Familie war zusammen. Für viele vielleicht eine willkommene Abwechslung zum sonst so zerrissenen Alltag. Doch die Freude hierüber kann aktuell wohl kaum noch jemand nachvollziehen. Was ist passiert? Hinter uns liegt eine nicht unerhebliche Zeitspanne des Verzichts, das zehrt an den Nerven. Wir Menschen sind für eine gewisse Zeit bereit, Einschränkungen hinzunehmen, brauchen jedoch eine Perspektive, um durchzuhalten. Und diese Perspektive ist aktuell nur verschwommen sichtbar. Die Maßnahmen, mit denen wir uns behelfen können, bleiben jedoch gleich. Sport, Spielen, Tagesstruktur, Abstand, Privatsphäre, Kreativität und Geduld. Sie kennen die alte Leier. Also kramen Sie noch einmal in Ihrer altbewährten Methodenschublade und reaktivieren die Strategien, die sich für Ihre Familie schon im ersten Lockdown bewährt haben.

7. Neue Verknüpfungen herstellen

Sämtliche Aspekte der Corona-Krise sind negativ besetzt. Klar: unser Leben wurde ja auch ganz schön auf den Kopf gestellt. Masken, Abstandshinweise und Co. symbolisieren nur noch eins: Unfreiheit und Einschränkungen. Programmieren Sie sich doch einfach mal um. Welches Symbol könnte positiv besetzt werden? Denken Sie z. B. an die klaren Kanäle in Venedig, die abendlichen Nachbarschaftskonzerte auf den Balkonen oder Bilder unberührter Natur. Klar, das wiegt die Entbehrungen nicht auf, aber: diese Dinge sind positiv und durch die Krise entstanden. Also: versuchen Sie mal, „entweder oder“ aus Ihrem Denken zu streichen und auch mal „sowohl als auch“ zuzulassen. Das entspannt die ganze Familie.

Hier geht es zu den bisher erschienenen Tipps der Reihe „Corona contra geben“: