Homeschooling und kein Ende in Sicht: Dieses Mal haben Prof. Helena Dimou-Diringer und Dr. Alexandra Edinger  von der Heidelberger Akademie für Psychotherapie (HAP) haben Tipps für Eltern, die ihre Kinder weiterhin zuhause unterrichten müssen.

Back to School? … oh nein: Homeschooling!

Das Sehnsuchtsdatum vieler Eltern ist gekommen: Die Osterferien sind vorüber, die Schule geht wieder los. Aber halt! Nur für Kinder, die gerade kurz vor ihrem Abschluss stehen. Alle anderen müssen weiterhin zuhause bleiben. Für viele Eltern ist das eine schlechte Nachricht. „Wie sollen wir das nur schaffen?“, fragen sie sich. Sie brauchen einen langen Atem und starke Nerven. Doch woher nehmen?

Unsere Tipps helfen, den neuartigen Schulalltag zu meistern:

1. „Herausforderungen“ statt To-do-Liste

Statt lästiger To-dos können Sie auch Challenges vereinbaren: Verhandeln Sie mit Ihrem Kind, wie viele Englisch-Vokabeln es heute schaffen soll und geben Sie Anreize. Ihr Kind hat Ihr gemeinsam festgelegtes Ziel erreicht? Super: Dann steht eine vorher abgemachte Belohnung an, wie z. B. 15 Minuten extra TV-Zeit am Abend.

Nehmen Sie bei all dem eine spielerische Haltung ein. Lernen funktioniert auch nebenbei: Bauen Sie z. B. schon beim Frühstück spielerisch Kopfrechenaufgaben ein oder sprechen Sie zum Spaß doch einfach mal ein paar Sätze auf Englisch miteinander.

2. Struktur ja, aber bleiben Sie realistisch

Ein Hinweis, dem wir in diesen Tagen immer wieder begegnen: Etablieren Sie eine Tagesstruktur! Das klingt toll und es wäre zu schön, wenn das immer klappen würde.

Fakt ist aber nun mal, dass Sie parallel selbst einen anderen Job als den des Lehrers haben und darüber hinaus die Wäsche, Einkäufe und der ganze andere Kram erledigt werden muss. In einem solchen Kontext kann die Forderung nach einem Plan oder einer Struktur Druck auslösen.

Sparen Sie sich das: Es geht nicht darum, minutiöse Pläne zu erstellen, wie die Tage ablaufen sollen, sondern um eine grobe Struktur. Die kann helfen, sich frei zu fühlen, da bestimmte Gespräche oder Diskussionen nicht ständig wiederholt werden müssen: Alle wissen, was ansteht, ohne dass dies zuvor noch lange besprochen werden muss. Es reicht völlig, wenn Sie den Tag in die folgenden 3 Abschnitte einteilen: Vormittag, Nachmittag, Abend.

Für alle, die es dann doch ein bisschen genauer wissen wollen: Speziell beim Lernen hat sich die folgende Regel bewährt: 3 x 25 Minuten lernen plus 5 Minuten Pause.

3. Teamwork: Beziehen Sie Ihr Kind ein

Ihr Kind hat sich die Situation gerade sicher auch anders vorgestellt. Klar, Sie haben Stress, aber vergessen Sie nicht: Ihr Kind auch. Lassen Sie es daher mitreden. Fragen Sie konkret nach, welche Regelungen und Lösungen es im Kopf hat und stimmen Sie innerhalb der Familie ab. Alles wird einfacher, wenn Sie an einem gemeinsamen Strang ziehen!

4. Sorgen Sie für Balance

Ein gutes Gleichgewicht zwischen Pflichten und angenehmen Aktivitäten sorgt für eine emotionale Ausgeglichenheit und beugt Gefühlen der Überforderung und Unzulänglichkeit vor. Dieses Prinzip sollten Sie sich gerade jetzt zunutze machen, da viele positive Aktivitäten durch die äußeren Umstände ohnehin schon wegfallen. Es ist z. B. keine gute Idee, direkt nach Erledigung der Schulaufgaben das Aufräumen des Kinderzimmers anzuschließen. Gehen Sie erst einmal gemeinsam raus, spielen Sie etwas oder toben. Dann kann die nächste Erledigung in Angriff genommen werden.

Klar, alles dauert dadurch ein bisschen länger, aber sehen Sie es mal so: Sie haben heute Abend doch ohnehin nichts vor, oder?

5. Verlassen Sie sich auf das, was funktioniert

Sie haben schon vier Wochen Homeschooling hinter sich gebracht: Atmen Sie tief ein und aus. Rekapitulieren, was funktioniert hat. Sie müssen das Rad nicht ständig neu erfinden. Greifen Sie auf bewährte Methoden zurück: Ihrem Kind liegt es eher, erst alle Aufgaben eines bestimmten Faches abzuarbeiten? Dann führen Sie dies genauso fort. Jeden Tag um 11:00 Uhr fällt Ihr Kind in ein Konzentrationstief? Planen Sie hier eine Pause ein.

Übrigens müssen Sie das alles nicht alleine schaffen: Selbst wenn die Profis gerade auch an ihr Zuhause gefesselt sind, findet man Sie doch im Netz. Schauen Sie für spielerisches Lernen doch mal auf Seiten wie: https://www.wdrmaus.de/

6. Vergleichen Sie nicht

Vergleichen Sie sich und Ihr Kind nicht mit anderen Eltern und Schülern: Jeder Mensch ist anders und nur weil Familie XY den Tag akribisch durchgeplant hat, heißt das nicht, dass das für Ihre Familie ebenfalls der richtige Weg ist. Ja, es fällt schwer, wir sind soziale Wesen und gleichen uns nur zu gerne mit der Umwelt ab, das ist normal. Löst das aber Druck und Stress aus, sollten Sie es lieber bleiben lassen und sich auf die positiven Dinge des Alltags konzentrieren. Betrachten Sie auch mal das, was richtig gut läuft!

Außerdem: Sie sind gerade nicht alleine! Hört sich doof an? Googlen Sie doch mal: Alleine das Schlagwort „Home Schooling“ führt zu 108.000.000 Treffern (Stand: 17.04.2020).

7. Seien Sie unorthodox

Vergessen Sie alles, was Sie jemals in Formaten wie „Die Super Nanny“ gesehen und gehört haben. Wir befinden uns schließlich im Ausnahmezustand – und wie heißt es so schön? Die Not kennt kein Gebot.

Ihr Kind lässt sich am besten zähmen, wenn es jeden Tag nach den Mathe-Aufgaben ein Eis bekommt? Geben Sie es ihm!

Gönnen Sie sich diesen kleinen Luxus in schwierigen Zeiten und kaufen sich somit Unbezahlbares: Stressfreiheit. Ein schlechtes Gewissen oder der Anspruch, die perfekten Pädagogen zu sein, helfen gerade niemandem und machen nur Frust.

8. Und wenn nichts mehr geht?

Wenn mal alle Stricke reißen, Ihr Kind so gar keine Lust mehr hat und nur noch weint, dann: STOP!

Verkämpfen Sie sich nicht. Jetzt ist Pause angesagt. Für BEIDE Parteien!

 

Hier geht es zu den bisher erschienenen Tipps der Reihe „Corona contra geben“:

Ansteckungsangst

Belastungen in systemrelevanten Berufen