Prof. Helena Dimou-Diringer und Dr. Alexandra Edinger von der Heidelberger Akademie für Psychotherapie (HAP)  mit Tipps für einen entspannteren Familienalltag.

„Familie ist … für den Rest seines Lebens nicht mehr alleine zu sein“ – Dieses geflügelte Wort beschreibt einen Umstand, der zurzeit wörtlicher denn je zu verstehen ist: Kein Alleinsein, nirgendwo, vielleicht auf der Toilette – jedoch ohne Gewähr.

Die Zeiten verlangen uns viel ab und das geht an keinem spurlos vorüber. Insbesondere die Familie stellt dabei ein besonderes System dar, das viel abfedern muss. Kein Wunder also, wenn auch mal die Fetzen fliegen.

Wie Sie und Ihre Familie diese Zeit gut überstehen, erfahren Sie hier:

1. Alleine sein – nicht so schlecht wie sein Ruf

Alleine sein ist nicht gleichbedeutend mit einsam sein: Viele Menschen merken plötzlich, wie wertvoll es ist, auch mal alleine zu sein – und diesem Gefühl sollten Sie nachgehen. Wir alle sind immer noch Individuen, die Freiräume brauchen. Diese können ganz unterschiedlich aussehen: spazieren gehen, Musik hören, Sport machen, ein Instrument spielen, ein Buch lesen – oder einfach gar nichts tun.

Danach sieht die Welt meist schon wieder anders aus. Denn nur, wenn Sie sich die Zeit nehmen, Ihre eigenen Batterien aufzuladen, können Sie mit ganzem Herzen für Ihre Familie da sein. Außerdem räumen Sie sich so auch die Chance ein, Ihre Liebsten zu vermissen bzw. sich auf sie zu freuen.

Sie benötigen ganz schnell eine Auszeit, da Sie kurz vor der Explosion stehen? Zuvor verabredete Code-Wörter, wie „Code Red“, „Stopp“ oder auch eine Wortneuschöpfung, die Ihrer Fantasie entspringt, können helfen, schnell anzuzeigen, wenn gerade gar nichts mehr geht.

2. Zwei Augen zudrücken

Privatsphäre besteht jedoch nicht nur aus gelegentlichem Für-sich-sein, sondern auch daraus, dass die Familie nicht detailliert mitbekommt, was man den ganzen Tag so treibt. Das Kind, das sich mit Freunden in der Pause heimlich Süßigkeiten kauft, obwohl das doch eigentlich verboten ist; das coole Top, das man in der Mittagspause noch schnell geshoppt hat, obwohl daheim die Meinung herrscht, man habe dieses schon in vierfacher Ausführung; oder aber die neue Netflix-Serie, die man auf dem Heimweg in der Bahn schon mal heimlich angefangen hat, obwohl man auf den Partner warten wollte.

Auch diese Freiräume, die unseren Alltag versüßen, fallen gerade weg. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass wir Dinge, die uns an unserer Familie stören, viel eher mitbekommen. Auch deshalb besteht ein erhöhtes Konfliktpotenzial.

Daher: Drücken Sie auch mal zwei Augen zu, wenn Sie Ihr Kind dabei erwischen, wie es sich gerade ein zweites Eis aus dem Keller holt, obwohl vielleicht nur eins ausgemacht war – dann verraten wir auch nicht, dass Sie sich bei Ihrem Kumpel über das neue Oberteil Ihrer Frau ausgelassen haben!

3. Gute Kommunikation – das A und O

Die gute alte Kommunikation: größter Schatz und Fallstrick zugleich. Gerade jetzt passiert es leicht, dass wir Worte auf die Goldwaage legen und grundsätzlich vieles falsch verstehen. Leider hat gerade niemand die Nerven, ein echter Kommunikationsprofi zu werden. Daher ein praktischer, bewährter Tipp, mit dem Sie erst mal gut über die Runden kommen: „Ich“ statt „Du“!

„Du hast schon wieder nicht den Müll rausgebracht!“ – dieser Satz bewirkt wohl eher, dass das auch in Zukunft nicht passieren wird.

Überlegen Sie mal, was dahinter steckt? Sind Sie verärgert, traurig, fühlen Sie sich mit dem Haushalt alleine gelassen? Dann formulieren Sie das auch: „Ich fühle mich mit der Hausarbeit alleine gelassen.“ – Ihr Gegenüber kann ganz anders reagieren und wird nicht zuerst in eine Widerstands- oder Konfrontationshaltung gehen.

Und wenn wir schon dabei sind, noch ein Klassiker, der sehr einfach angewandt werden kann und dabei sehr wirkungsvoll ist: keine Verallgemeinerungen! Auch wenn die Müllthematik schon seit Wochen nervt, beziehen Sie sich ausschließlich auf die aktuelle Situation, wenn Sie das Thema ansprechen.

4. Authentisch bleiben

Klar, Sie sind Vorbild für Ihre Kinder und als solches wollen Sie natürlich auch in dieser Krise auftreten. Das heißt aber nicht, dass Sie negativ empfundene Gefühle verbergen müssen. Glauben Sie es ruhig: Kinder haben so etwas wie einen eingebauten Sensor dafür und bekommen es sowieso mit.

Bleiben Sie daher lieber ehrlich: Wenn es Ihnen gerade nicht gut geht, Sie sich gestresst oder traurig fühlen, dann dürfen Sie das auch zeigen bzw. sagen und ja, auch vor Ihren Kindern. Dabei können Sie auch gleich die Gelegenheit nutzen und diese entlasten, indem Sie Ihre Situation erklären: „Ich bin gerade traurig, das hat aber nichts mit euch zu tun, sondern …“ – die Erklärung sollte dann natürlich kindgerecht bleiben, Sie sprechen ja nicht mit Ihrem Partner, aber dennoch so, dass Ihre Kinder verstehen, was los ist.

Andernfalls können die ausgesendeten Doppelbotschaften (rote Augen vom Weinen und der Satz „Mir geht es gut“) sehr verwirrend für Ihre Kinder sein, v. a. wenn dies häufiger vorkommt. Langfristig können dadurch die Sicherheit, etwas richtig wahrzunehmen und der gute Umgang mit eigenen Gefühlen beeinträchtigt werden.

Außerdem vermeiden Sie durch das Zulassen von Gefühlen einen späteren, möglicherweise inadäquaten Ausbruch angestauter Emotionen, der dann in keiner Relation mehr zur Situation steht.

5. Die Versöhnung

Der Streit ist nicht ausgeblieben und es hat mächtig gekracht. Jetzt ist die Versöhnung essenziell wichtig. Gerade Kinder benötigen die Sicherheit, dass der Streit keinen Beziehungsabbruch bedeutet. Daher: Nehmen Sie sich Zeit für die Versöhnung.

Sollten Sie sich ungerecht verhalten haben, dann gestehen Sie das ein und entschuldigen Sie sich bei Ihrem Kind. Sollte es darum gehen, Ihrem Kind klar zu machen, was Sie geärgert hat, dann schauen Sie nochmal bei Punkt 3 nach.

Und noch ein Tipp: Gehen Sie nach der Versöhnung nicht einfach auseinander. Jetzt bietet sich eine gemeinsame Aktivität an, um die Wogen vollends zu glätten.

6. Ooooooommmmmmm

Machen Sie sich locker – und zwar alle gemeinsam.

Schweifen Sie doch schon mal in die Zukunft und überlegen Sie sich, was Sie als erstes tun möchten, wenn wieder alles möglich ist. Ein Café-Besuch oder ausgelassen auf dem Spielplatz mit den Kleinen toben, ins Schwimmbad gehen – klingt gerade wie ein Sechser im Lotto, oder? Auch das Anschauen von Urlaubsfotos hilft, sich an Sehnsuchtsorte zu beamen und so dem Corona-Alltag für eine Weile zu entfliehen.

7. Ganz wichtig bei Aggressionen

Sie spüren immer häufiger Aggression in sich aufsteigen, die sich auch gegen Ihre Kinder bzw. Ihren Partner/Ihre Partnerin richten?

Solche Gefühle sind erst mal ganz normal. Auch wenn Sie sich vielleicht über sich selbst erschrecken, die Situation ist sehr belastend und unser Gehirn produziert nun mal unentwegt Gedanken, aus denen wiederum Gefühle entstehen – und macht auch vor solchen Inhalten nicht Halt.

Sollten Sie jedoch bemerken, dass sich Ihre aggressiven Gedanken und Gefühle zunehmend in Impulse verwandeln, die Sie nur noch schwer kontrollieren können, dann holen Sie sich Hilfe: Es ist keine Schande, überfordert zu sein und so verhindern Sie, dass etwas passiert, das Sie im Anschluss vielleicht nicht mehr so leicht wieder gutmachen können.

Hier geht es zu den bisher erschienenen Tipps der Reihe „Corona contra geben“:

Ansteckungsangst

Belastungen in systemrelevanten Berufen

Homeschooling

Homo Corona