„Wie hältst du es mit den Corona-Beschränkungen?“, ist die neue Gretchenfrage, die Prof. Helena Dimou-Diringer und Dr. Alexandra Edinger von der HAP beantworten.

Wie überleben Freundschaften das Coronavirus?

Seit den Beschränkungen rund um Corona gleicht die Frage nach den Wochenend-Aktivitäten einem Tanz auf dem Minenfeld. Grob gesagt sind zwei Lager entstanden: diejenigen, die die Grenzen des Erlaubten nutzen und sich zu Hause in kleinen Grüppchen treffen und diejenigen, die ihre sozialen Kontakte ausschließlich auf den Partner beschränken und nur noch über Zoom oder Skype anzutreffen sind.

Damit stellt die Corona-Krise nicht mehr nur eine Nerven-, sondern oft auch eine Freundschaftsprobe dar. Wie Sie diese meistern können, erfahren Sie hier.

1. Es gibt nicht nur eine Wahrheit

In der Corona-Frage gibt es kein Richtig oder Falsch. Jeder hat ganz persönliche Beweggründe für das eigene Handeln – manchen sind diese vielleicht nicht einmal bewusst. Covid-19 löst (Ur-) Ängste in uns aus, da wir uns in unserer Existenz bedroht fühlen. Das kann weitreichende Reaktionen und Handlungen hervorrufen. Und das ist auch nachvollziehbar. Machen Sie sich diesen Umstand klar, wenn ihre beste Freundin gerade für den von Ihnen vorgeschlagenen Grillabend absagt.

Übrigens bringt die Corona-Krise ein Problem auf den Punkt, das sich schon vorher in der Politik abgezeichnet hat: extreme, scheinbar unvereinbare Haltungen und Meinungen – schwarz oder weiß. Wir Menschen bedienen uns gerne dieser extremen Schubladen, da sie schlicht und ergreifend bequem sind: Diskurse und das damit verbundene Abwägen ist anstrengend. Diese Schubladen sind evolutionär gesehen sogar sehr sinnvoll, da sie uns schnell helfen, Gefahren einzuschätzen (Tiger = gefährlich, Ameise = nicht gefährlich). In einer Situation wie der Corona-Pandemie sind sie aber nicht hilfreich, da uns extreme Meinungen spalten und konstruktive Diskussionen verhindern.

Fakt ist, dass aktuell noch nicht endgültig abgeschätzt werden kann, welche konkreten Maßnahmen tatsächlich wichtig und welche vielleicht übertrieben sind – das lässt sich erst in der Rückschau bestimmen – und hier auch nicht mit Sicherheit.

Eine hilfreiche Faustregel im Umgang mit anderen und der Situation im Allgemeinen lautet: Lassen Sie auch Grautöne zu! Jemand, der Lockerungen fordert und die einschneidenden Beschränkungen kritisiert, ist nicht gleich ein Verschwörungstheoretiker oder Gefährder und jemand, der sich strikt und diszipliniert an die Beschränkungen hält und diese für sinnvoll erachtet ist nicht automatisch obrigkeitshörig.

2. Das Gute im Fokus behalten

Sie kennen sich vielleicht schon seit Schulzeiten, haben viel miteinander erlebt oder verstehen sich einfach blind – das ist toll! Besinnen Sie sich hierauf. Nur weil Sie sich in einer Sache gerade nicht einig sind, heißt das nicht, dass Ihre Freundschaft keinen Bestand hat. Wir befinden uns in einer Extremsituation, die wir so noch nicht erlebt haben.

Kurzfristig können Sie folgendes tun: Versuchen Sie erst einmal das Streitthema aus gemeinsamen Gesprächen zu verbannen und konzentrieren sich lieber auf Ihre Gemeinsamkeiten, die Ihre Freundschaft haben entstehen lassen. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt: Covid-19 ist nicht das einzige Thema auf dieser Welt.

3. Sie müssen niemanden missionieren

Haben Sie sich schon einmal gefragt, wie es Therapeuten schaffen, sich immer wieder auf neue Patienten einzustellen und verschiedenste Ansichten nachzuvollziehen? Das ist keine Hexerei, sondern beruht auf einem ganz einfachen Trick: Es geht darum, die aktuelle Situation und das Verhalten einer Person vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen zu betrachten.

Das können Sie ganz einfach auf die jetzige Situation anwenden: Die Menschen haben die letzten Wochen sehr unterschiedlich verbracht – viele haben die ganze Zeit vor Ort gearbeitet, andere zählen Woche 9 im Home Office, wieder andere haben vielleicht ihren Job verloren. Manche mussten schlimme Krankheitsverläufe bei engen Verwandten beobachten, anderen ist die Erkrankung eher fern geblieben. So entstehen natürlich auch ganz unterschiedliche Einschätzungen und Umgangsstrategien mit der Situation. Beziehen Sie diese Informationen mit ein, wenn Sie sich mit Freunden konfrontiert sehen, die anderer Meinung sind. Sie müssen also gar nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen!

Die viel entspanntere Lösung lautet: unterschiedliche Meinungen auszuhalten und diese vor dem individuellen Hintergrund einer Person nachzuvollziehen, ohne diese Meinung teilen zu müssen.

4. Die richtige Streitkultur

Bei allen Versuchen, Verständnis aufzubringen, ist es doch zum Krach gekommen, da das Thema emotional einfach viel zu aufgeladen ist. Geben Sie sich und Ihrem Gegenüber jetzt Zeit und versuchen Sie, nicht jedes Wort auf die Goldwaage zu legen.

Vergessen Sie nicht, wir sprechen hier nicht über ein hypothetisches Thema, zu dem man eine Meinung haben kann oder auch nicht, sondern über eine existente Krankheit, die ohne große Vorwarnung über uns herein gebrochen ist und mit der wir seit Kurzem ganz konkret leben müssen.

Noch ein Tipp, wenn Sie das Thema häufiger in größerer (Skype-)Runde wälzen: Sollte sich ein Konflikt anbahnen, lieber über etwas anderes sprechen! Denn: Konflikte werden vor anderen anders ausgetragen als im privaten Dialog. Motive, sich vor anderen zu behaupten, nicht als Schwächling dazustehen etc. werden aktiv und befeuern einen Streit nur unnötig. Das führt garantiert nicht zum Konsens. Sollten sie Spannungen wahrnehmen, klären Sie diese lieber zu zweit!

5. Die Versöhnung

Zeit und Geduld sind wichtige Komponenten, sollte es zum Streit gekommen sein. Beachten Sie aber, dass die Aussöhnung nicht allzu lange auf sich warten lassen sollte, denn langanhaltende Konflikte sind anstrengend und zerren an den Nerven und außerdem wird die Aussprache nicht unbedingt leichter: Fronten können sich verhärten und Meinungsverschiedenheiten unnötig groß werden. Fassen Sie sich also ein Herz und wagen Sie den ersten Schritt. Häufig möchte ihr Gegenüber den Konflikt ebenfalls beilegen, weiß aber noch nicht so richtig wie.

Hier geht es zu den bisher erschienenen Tipps der Reihe „Corona contra geben“:

Ansteckungsangst
Belastungen in systemrelevanten Berufen
Homeschooling
Homo Corona
Konflikte meistern
Immun gegen Corona
Corona-Blues