10 Prozent der Jugendlichen sind durch den übermäßigen Medienkonsum gesundheitlich gefährdet. Die Ambulanz für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie an der Heidelberger Akademie für Psychotherapie (HAP) hilft ihnen zurück ins reale Leben.

Sie haben 380 Freunde und doch keinen einzigen. Sie schwänzen die Schule, um zu spielen, sie essen nicht mehr und entziehen sich ihrer Familie. Dennoch: „Der übermäßige Konsum von Medien, ob Spielen und Chatten am Handy oder am PC und Tablet, ist nur ein Symptom von vielen und noch kein offizielles Krankheitsbild wie eine Sucht“, stellt Prof. Dr. Helena Dimou-Diringer klar. Sie ist Leiterin der HAP und hat viele Patienten behandelt, die mit einem problematischen Medienkonsum zu kämpfen hatten. „Die Jugendlichen, die mit diesen Problemen zu uns kommen, sind meist schon vom Kindesalter an labil, haben wenig soziale Kontakte, werden gehänselt und sind unsicher“, weiß Dimou-Diringer. „Nicht die Medien sind das Problem, sondern der Umgang damit.“

Flucht in eine andere Welt
Jakob* ist einer von ihnen. Der 16-Jährige verbringt täglich 10 Stunden am Computer. „Meine Freundin lebt in Marokko“, gibt er an. Doch live gesehen hat er sie noch nie, ihr nie persönlich in die Augen geschaut oder sie gar berührt. Jakob ist gar nicht klar, dass er in einer virtuellen Welt lebt, denn für ihn ist sie real. Karl* hingegen entwickelt fast kriminelle Energie, um seiner Games-Leidenschaft nachgehen zu können: Um weiterhin im Keller Computer spielen zu können, knackte der 12-Jährige das Türschloss, nachdem ihm seine Eltern den Schlüssel weggenommen hatten. Mit einer Behinderung geboren, ist er in der Schule ein Außenseiter. In der Cyberwelt fühlt er sich anerkannt. „Hier kann ich eine andere Identität annehmen“, erklärt er. „Außerdem sind meine Freunde hier immer erreichbar und verstehen mich.“ Seine Eltern entdecken den Zweitschlüssel erst, als der Schulabschluss bereits gefährdet ist, und stellen ihren Sohn an der HAP vor.

«Nicht die Medien sind das Problem, sondern der Umgang damit.»
Prof. Dr. Helena Dimou-Diringer, Leiterin der HAP

Soziale Kompetenz trainieren Anhand von Rollenspielen arbeitet die Therapeutin an der sozialen Kompetenz von Karl, übt beispielsweise mit ihm, sich zu verabreden oder ein Referat zu halten. Sie schaut sich mit ihm die Lieblingsspiele an und überlegt mit ihm Alternativen, um den Medienkonsum zu reduzieren. Stück für Stück führt ihn die Psychotherapeutin ins reale Leben. Letztendlich schafft Karl seinen Schulabschluss und hat gelernt, sich selbst Regeln für die virtuelle Welt zu setzen. Nutzen der Digitalisierung Zugleich helfen Apps und Online-Angebote auch bei der Therapie. Für Patienten mit einer Depression oder
ADHS gibt es von den Kassen entwickelte und initiierte Online-Therapieprogramme, die auch Eltern helfen, mit dem Problem umzugehen. Die HAP setzt zur Therapiebegleitung immer häufiger auch Apps ein, zum Beispiel für Essprotokolle. „Kein Kind vergisst sein Handy. Damit können wir die Kinder und Jugendlichen motivieren, die Therapie auch zu Hause fortzusetzen, und nutzen ihre Affinität zu digitalen Medien“, so Dimou-Diringer. „Aber ein Therapeut ist natürlich trotzdem nie ersetzbar.“

Ohne geht’s nicht
Die digitalen Medien sind Kommunikationsmittel, sie dienen der Informationsbeschaffung und der Unterhaltung. „Sie sind aus unserer Welt nicht mehr wegzudenken und erleichtern vieles“, sagt die HAP-Leiterin. „Aber sie machen auch Erwachsene krank, sorgen durch die ständige Erreichbarkeit für Stress und Hektik. Wir selbst müssen uns auch Grenzen setzen.“ Doch sie selbst verrät schmunzelnd: „Ich freue mich jeden Abend auf meine Entspannung am iPad mit dem Jellipop Match!“

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