Wir-Online-Redakteurin Isabelle Schulz berichtet in ihrer 1. Episode, dass jeder Anfang schwer ist und dass rosarote Brillen fehl am Platze sind.

Was davor geschah

Um einmal zu starten. Ich, Isabelle, 19 Jahre alt, lebe seit zwei Monaten in Heidelberg in einer Zweier-WG mit einem Mann. Nein, nicht nur ein Mann, ein Anfang 30-jähriger Lehramtsanwärter, welcher seit nun mehr als zehn Jahren in dieser Wohnung lebt.

Aber lasst uns von vorne beginnen. Als die Zusage für die SRH kam, war für mich nach der ersten Anfahrt von Ludwigshafen nach Heidelberg klar: Ich muss umziehen. Dieser ständige Stau raubt einem tatsächlich den letzten Nerv, und seien wir ganz ehrlich, Zug fahren macht Niemandem wirklich Spaß. Um dieser Verschwendung wichtiger Lebenszeit nun entgegen zu wirken, habe ich mich auf Wohnungsjagd begeben. Schnell war die Enttäuschung, nein, eher Empörung, groß, denn obwohl es an WG-Angeboten nicht mangelte, stolperte ich über die enorm hohen Mietpreise. Meiner Meinung nach lag Wieblingen nicht in der Stadtmitte und der Tipp des Dekans, sich ein Zimmer an der Linie 5 zu suchen, sorgte auch nicht gerade für Erleichterung.

Auf meine gefühlten 30.000 Anfragen für Zimmer kamen genau drei Rückmeldungen. Doch Rettung war nah: Ein geräumiges Zimmer, drei Minuten vom Campus entfernt, mit Badewanne, Waschmaschine, nur einem Mitbewohner und sogar zwei Fenstern zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Die Besichtigung lief reibungslos, man verstand sich blendend und schon am nächsten Abend entschied ich mich, mich für die Wohnung zu bewerben. Der kurze Eindruck, den man bei so einem Besichtigungstermin von dem potentiellen Mitbewohner gewinnt, ist so flüchtig, dass ich damals nicht mal merkte, dass er 12 Jahre älter ist als ich. Nach gefühlten Monaten eines Hin und Hers, Zittern und Bangen, bekam ich das Zimmer und bezog es zum Studienbeginn.

 

Die Streitdeko

Soviel zur Vorgeschichte. Nun kommt die Wahrheit, also setzt eure rosaroten Brillen ab, macht es euch bequem, denn das hier wird nicht schön. Und das ist nur der erste Teil.

Lasst mich sagen, ich bin ein praktisch veranlagter Mensch. Das schließt jedoch weder Deko noch Wohlfühlartikel aus, dachte ich. Mein Mitbewohner sieht das anders. Lieblos stehen nur die nötigsten Dinge im Esszimmer, ungenutzte Küchengeräte stapeln sich auf Regalen und die Pflanzen, die nun auch nur noch aus Stängeln und vereinzelten Blättern bestehen, lassen vor Traurigkeit die Köpfe hängen. Man könnte sich fast schon einen grauen Regenfilter über dieses imaginäre Bild legen. Mein innerer Interiordesigner sagte sich also: „Ich bring einfach Deko mit und dann wird das richtig schön hier!“. So funktioniert das in dieser WG allerdings nicht. Auf die Frage, ob man die gefühlt 20-Quadratmeter-Jamaikaflagge an einen anderen Ort hängen kann, oder ob das ausgeblichene und zerfledderte Bob Marley-Plakat abgehängt werden darf, kam ein: „Das hängt hier schon seit zehn Jahren, ich möchte, dass das so da hängen bleibt.“ Ich, überfordert mit der Situation, möchte ihm auch nicht zu nahetreten, setze aber drei Tage später erneut zum Angriff an.

Clever, wie ich damals dachte, versuche ich es auf eine neue Art: „Du magst also Bob Marley und Jamaika sehr gerne?“ Er: „Ja, früher mal, jetzt eigentlich nicht mehr so.“ Die Gedanken überschlugen sich in meinem Kopf. Wieso muss das denn dann alles da hängen bleiben, wenn er nichts mehr damit verbindet? Findet er das schön? Ist das ein Männer-Ding, von dem ich noch nichts mitbekommen habe? Ich habe bis heute keine Antwort darauf.

Tagelange Telefongespräche mit meiner Mutter und Rat holen bei Freunden und Bekannten, bestätigten mich zwar darin, dass es tatsächlich ziemlich seltsam ist, aber einen Lösungsvorschlag hatte dann doch niemand. Somit ließ ich alles hängen und besorgte zumindest einen Weihnachtsstern für das Fenster, welcher bisher noch nie Strom gesehen hat, auch mein Tischläufer und die Duftkerze auf dem Tisch, mit nur drei Stühlen, wurden nach anfänglicher Skepsis geduldet. Sein Blick, der sich erst von purer Angst vor dem absoluten Dekowahn, in Einverständnis mit meinem eher minimalistischen Versuch dann doch änderte, war wie Balsam für meine schon aufgebrachte Seele.

Doch um es einmal deutlich zu machen: nicht alles war schlecht, denn sonst würde ich nicht mehr mit ihm wohnen. Man sieht sich, man grüßt sich, man kommt zurecht.

Aber das war noch lange nicht alles. Nun lasst es mich sagen, ich habe es zu weit getrieben. Ich habe es getan. Einfach so. Ich war bei IKEA. Es ist passiert wie Brote schmieren. Ich kaufte ein Badregal! Ich weiß, es war leichtsinnig und es blieb auch nicht ohne Konsequenzen. Aber das, meine Lieben, ist eine neue Geschichte, die ihr in der nächsten Ausgabe lesen könnt…

 

P.S. Schick uns doch mal deine WG-Geschichte oder Tipps – wir veröffentlichen sie gerne auf Wir-Online: wir@srh.de!

P.P.S. Isabelle auf Instagram: Isabelleschxlz