Was erwartet man von mir? Wie laufen in meiner Abteilung die Dinge? Prof. Dr. Rudolf Irmscher, Geschäftsführer der Stadtwerke und Honorarprofessor an der SRH Hochschule Heidelberg, gibt Tipps für den Berufsstart.

Manchmal kommt man nicht umhin, bei der Fahrt im ICE einem fremden Telefongespräch beizuwohnen. So durften kürzlich die umsitzenden Mitreisenden mit hören, wie sich ein junger Mann über seine Vorgesetzte echauffierte. Offenbar hatte er vor kurzem seinen ersten Job angetreten und die Abteilung, in der er arbeitete, stand ziemlich unter Druck. Die Chefin sei „total gestresst“, klagte er, doch alle seine Vorschläge, wie sie die Dinge besser regeln könnte, habe sie „komplett ignoriert“. Der Mann schien total frustriert.

Nun sind Enttäuschungen bei Berufseinsteigern gar nicht so selten. Die jungen Löwinnen und Löwen, wie ich die Einsteiger aus den Hochschulen gerne nenne, kommen mit frischen Ideen und viel Energie ins Unternehmen. Löwen sind sie, weil sie für ihren Job und die Produkte, die ihr Unternehmen anbietet, kämpfen wollen und sich jung und stark fühlen. In vielen Fällen überträgt sich diese frische Energie auch auf die neuen Kolleginnen und Kollegen und vermittelt eine neue Perspektive. Manche von ihnen aber möchten alles neu und besser machen. „Die Hierarchien sind flach“, haben sie irgendwo gehört oder in einem Managementbuch gelesen – und glauben nun, sie könnten die lockere und kollegiale Umgangsweise, die sie von der Hochschule gewohnt sind, ins Unternehmen einbringen. Frei nach dem Motto: „Wir sind alle irgendwie gleich und gehören mit dazu.“

Doch was passiert? Unvermittelt sehen sich die Löwinnen und Löwen eingesperrt in eine hierarchische Organisation. Verwundert stellen sie fest, dass der Chef tatsächlich Chef ist. Sie bekommen es mit Eitelkeiten und Status zu tun, mit Autorität und dem Wahren von Distanz – mit Werten also, die sie so überhaupt nicht auf dem Schirm hatten.

Es ist nachvollziehbar und zunächst auch völlig in Ordnung, hierüber seinen Frust zu artikulieren. Meinetwegen auch im ICE, sofern der eigene Chef nicht zuhört. Im zweiten Schritt gilt es dann aber nüchtern zu erkennen: Bevor ich als Berufseinsteiger eigene Initiativen ergreife oder gar meinem Chef Vorschläge mache, sondiere ich besser erst einmal die Lage. Wie laufen in meiner Abteilung die Dinge? Welche Ziele und Vorgaben hat mein Chef? Was treibt meine Kollegen an? Auf welche Leistungen ist unser Team besonders stolz? Was erwartet man von mir?

Beginnen Sie mit einer mehrmonatigen Orientierungsphase, in der Sie Menschen und Abläufe beobachten und sich auf die Aufgabe konzentrieren, für die Sie eingestellt wurden. Irgendwann, vielleicht nach 100 Tagen, dürfte die Atmosphäre für erste eigene Vorschläge reif sein. Das kann zum Beispiel eine Idee sein, wie sich die Abläufe des eigenen Arbeitsbereichs im Interesse der Abteilung verbessern lassen.

Der junge Mann im ICE meinte es mit seinen Vorschlägen sicherlich gut. Doch hat er wirklich geglaubt, als Neuling in der Abteilung die Situation und die Zwänge seiner Chefin zu verstehen? Seine forsche, sich selbst überschätzende Haltung dürfte eher abstoßend wirken. Etwas mehr Demut und Respekt vor dem, was in der Abteilung geleistet wird, wären seinem Verbleib im Unternehmen vermutlich förderlicher.