Es ist der Bodybuilder unter den Gemüsedünstern, der Wir-Online-Redakteurin Isabelle Schulz heute in den Wahnsinn treibt. Mit der 5. Episode läutet sie auch das Ende einer Ära ein – sie gibt ihre beliebte WG-Kolumne zunächst aus Zeitgründen auf und entführt die Leser ein letztes Mal in ihr skurriles WG-Leben.

Hallo, ihr Lieben! Ich habe lange nichts mehr von mir hören lassen. Leider muss ich mitteilen, dass dies auch das letzte Lebenszeichen für eine lange Zeit sein wird. Ich muss die Kolumne leider aufgeben. Das Studium verlangt mir viel ab, ein neuer Job kam dann noch dazu und noch allerlei andere wichtige Dinge, die ich versuche aufrecht zu erhalten. Das klappt nicht immer so, wie man es sich vorstellt. Emotionaler Druck spielt da auch eine wichtige Rolle. Jeder kennt es sicher: Da, wo man sich nicht wohlfühlt, da kann man auch nicht entspannen, nicht klar denken. Dieses Gefühl bemerke ich in letzter Zeit immer öfter und möchte aktiv dagegenwirken. Das braucht Zeit.

Ich möchte diesen Abschied jedoch keinesfalls in eine traurige Lebenslektion verwandeln. Ein letztes Mal entführe ich euch nochmal in mein skurriles WG-Leben.

Der neue Mitbewohner:

Ha, das ist wie bei der BILD. Eine große Headline verspricht Aufregendes, der Text an sich hat jedoch eher weniger mit dem Aufreißer zutun. Doch ich will nicht untertreiben: Es gibt etwas Neues in unserem Haushalt, etwas Großes. Mein Mitbewohner hat mal wieder kräftig Online-Shopping betrieben und per Spätlieferung bis 11 Uhr abends einen Gemüsedünster bestellt. Da habe ich mich ja wirklich fast für ihn gefreut. Dieses tägliche trocken Brot und Wasser, Entschuldigung, trockener Reis und Wasser, würden mich ja auf Dauer auch unglücklich machen.

Bis zu dem Moment, als ich das Gerät das erste Mal sah. Quasi der Bodybuilder unter den Dünstern. Das Teil ist so groß, dass es tatsächlich die Hälfte der Arbeitsfläche in unserer Küche einnimmt.

Ich möchte nicht kleinlich sein, aber als ich einzog, musste fast ein Notarzt anreisen, als ich verlangte, meine Senseo-Kaffeemaschine aufstellen zu dürfen neben seinem Reiskocher. Welcher nebenher auch nicht gerade schlank ist. Als ich dann auch noch für UNS einen neuen Wasserkocher besorgte, der nicht vor Kalk bröckelte und sogar schick aussah, sah mein Mitbewohner rot. Mein wunderschöner neuer Wasserkocher wurde in den Schrank verfrachtet zu dem 30 Jahre alten Staubsauger, mit der Begründung, er wäre ja eh nicht jeden Tag in Gebrauch, anders wie die Senseo.

Wie auf alle Dinge, die ich „verboten“ bekommen habe, antwortete mein Vater mir: „Ruhig Blut, mein Kind“, und ich beruhigte mich wieder.

Seither lebe ich ein gemütliches Leben. Nein, das ist nicht wahr. Ich lebe ein Leben, mit dauerhaft rasendem Puls. Denn als ich einzog, war es meinem Mitbewohner sehr wichtig, dass es ab gewissen Uhrzeiten ruhig ist in der Wohnung, denn er müsse jeden Morgen um 6 aufstehen für die Arbeit.

Mittlerweile hat mein 33-jähriger Mitbewohner sein Referendariat abgeschlossen und lebt so in den Tag hinein. Den ganzen Tag zocken, essen und telefonieren. Jeden Tag der gleiche Ablauf. Woher ich das weiß? Ich kann es hören…

Mäusestill:

Die natürliche Reaktion meiner Mitmenschen auf meine Geschichte, die ich in den ersten Wochen erzählt habe, war: „Das kann ich mir nicht vorstellen, dass er so laut gähnt. Locker übertreibst du!“ Meine Damen und Herren, ich übertreibe nicht. Die Wände sind nicht dünn, das kann also einmal ausgeschlossen werden. Was ist die andere Möglichkeit? Mein Mitbewohner ist einfach überdurchschnittlich laut in allem, was er tut.

Lasst mich aufzählen, inwiefern sich das äußert: Der Boden bebt, wenn er durch die Wohnung läuft. Wir haben keine Stalltüren, zugeworfen werden sie trotzdem. Die Hauswand wackelt, wenn er das Eingangsgitter im Hof zumacht. Und zu guter Letzt: Eigentlich könnte genauso gut ICH mit seinen Freunden befreundet sein, ich verstehe nämlich jedes einzelne Wort laut und klar, dass er mit ihnen am Telefon oder beim Zocken wechselt.

Genau in diesem Moment, in dem hier schreibe, höre ich, wie er zu seinem Kumpel im Spiel sagt: „Pass auf, da steht er hinter dir!“ Ich hoffe irgendwer sagt ihm dasselbe, wenn ich einmal nachts hinter ihm stehe…

Besonders lustig ist die Situation mittlerweile, da ICH nun einen Job habe und viel für die Uni tue. Aber da muss ja keine Rücksicht genommen werden, der Herr hat ja sein Referendariat bestanden. Wenn also an einem Montagabend um 0:16 Uhr das Handy von ihm klingelt und er seinen Kumpel in bereits beschriebener Lautstärke begrüßt und sich mit ihm unterhält, dann kann es sein, dass ich in meinem Bett Mordgedanken hege. Ich bin nicht stolz darauf. Aber jeder, der mein Essen oder meinen Schlaf bedroht, der sollte wissen, dass mit mir nicht zu spaßen ist.

Diese Situation hat sich also erst die letzten 2-3 Wochen entwickelt. Mal sehen wie sie meine Einstellung dazu die nächsten 2-3 Wochen entwickelt…

Aber um nochmal einen ernsteren Ton anzuschlagen:

Natürlich ist mit mir zu spaßen. Sonst hätte ich diese Kolumne in erster Linie gar nicht begonnen. Ich kann eine Menge ab, ich habe in dieser WG gelernt, dass nicht jeder Kampf es wert ist, ausgefochten zu werden. Aber irgendwann ist auch mal Schluss. Es gibt viele Menschen in meinem Umfeld, die mich und die Probleme in meiner WG nicht ernst nehmen. Warum auch? Ich schreibe und scherze ja auch darüber. Doch müssen wir mal ganz ehrlich sein, niemand möchte von einer Studentin lesen, die ernsthafte Probleme mit ihrem Mitbewohner hat. Also muss man das ein wenig schöner verpacken. Die Tatsache bleibt allerdings, dass er hart ist. Es ist hart, 90% seiner Zeit an einem Ort zu verbringen, an dem man eigentlich nicht sein möchte. In seinen Problemen nicht ernst genommen zu werden, noch viel schlimmer.

Aber ich befinde mich auf der Suche nach einer Lösung. Mein Papa hatte schon einen Lösungsvorschlag: „Weißte was, Isi? Dann sagste mal Bescheid, wenn du in der Uni bist und dein Mitbewohner zu Hause und dann führ ich mal ein klärendes Gespräch mit dem …!“ Ich denke, Letzteres benötigt keine Erläuterung. Dieses Angebot lehnte ich dankend ab. Mit 20 Jahren ist man durchaus in der Lage, sich um seine eigenen Probleme zu kümmern.

Das war das Wort zum Sonntag, wie man so schön sagt.

Es war mir eine Ehre, mein Schicksal mit euch teilen zu dürfen.

Vielleicht melde ich mich irgendwann nochmal, vielleicht sieht man sich wieder.

Bis dahin,

Isabelle