Zum ersten Mal in einem Tunnel – und dahinter: Wir-Online-Redakteurin Anastasia Zhukovets erzählt die holprige Geschichte von Julius Mugenyi, in Uganda aufgewachsen, IT-Student in Sydney und nun Exchange-Student an der SRH Hochschule Heidelberg.

Es war ein normaler Mittwochnachmittag, mein Interview-Partner Julius Mugenyi kam in mein Büro wie vereinbart. Breites offenes Lächeln im Gesicht, als ob dieser Mensch gar keine Sorgen hatte. Umso mehr erstaunte mich seine Geschichte. Eine Geschichte über Willensstärke, Entschlossenheit und Kampf. Eine Geschichte, die Leben verändern kann.

Geboren wurde Julius 1994 in einem kleinen Dorf in Uganda, in einer Familie mit 5 Schwestern und 6 Brüdern. Um in die Schule zu kommen, musste er als Junge 5 km zu Fuß gehen. Barfuß, weil er keine Schuhe hatte. Er musste aber auch seiner Familie helfen und hütete abwechselnd mit seinem Vater Kühe, melkte die Kühe und verkaufte die Milch – alles notwendige Fähigkeiten, um das Überleben in einem Land zu sichern, wo du nur einen australischen Dollar am Tag zur Verfügung hast. Als er 12 wurde, verließ er das Elternhaus, um auf eine andere Schule zu gehen.

 

Julius mit seiner Familie vor dem Elternhaus

Er hatte immer großes Interesse an  Elektronik und Technik. Als er sich ein Handy kaufen konnte, hat er das Handy vorsichtig auseinander genommen, um zu schauen wie es funktioniert. So kam es zu seinem Traum – im Ausland IT zu studieren. „Das ist doch easy“ – würden viele behaupten. War es aber nicht für Julius. Sein Weg ist mehr als holprig. Wenn man noch in Betracht zieht, dass es kein freies WLAN gibt und Datenvolumen in Internet-Cafés gekauft werden muss. Julius sagt, dass Kinder in Uganda gar nicht davon träumen können ins Ausland zu gehen, viele wollen auch nicht in die Schule, weil sie glauben, dass es an ihrem Leben nichts ändern würde. Aber Julius hat sich gewagt.

Er hatte keinen Pass, aber vor allem kein Geld, um seinen Traum wahr werden zu lassen. Unerwartet schlug hier die Theorie Six Degrees of Separation (Sechs-Freunde-Theorie) zu. Durch Verwandte-Bekannte-Freunde und Zusammenkratzen seiner ganzen Ersparnisse gelingt es Julius nach Sydney zu kommen. Ein wahres Wunder für Julius. Australien ist jedoch ein Kulturschock: kein Staub, die Schuhe bleiben sauber, man muss sie nicht putzen. Es gibt Tunnels. Julius war noch nie in einem.

Jetzt könnte eigentlich ein Happy-End kommen und damit würde die Geschichte enden, dem ist aber nicht so. Das Leben in Australien ist hart, aber Julius kämpft sich tapfer durch: Er schläft auf einer Terrasse, im Auto, in der Garage, arbeitet in einer Fabrik und gleichzeitig studiert er IT an der Uni in Sydney. Julius weißt, dass das Leben immer Höhen und Tiefen hat und gibt nicht auf.

Als er von dem Exchange-Programm mit Deutschland hört, glaubt er nicht, dass er nach Deutschland gehen darf, denn er hat schon negative Erfahrungen mit der polnischen Botschaft in Nairobi gemacht. Aber er bewirbt sich. Als er das Visum nur vier Tage nach der Antragsstellung erhält, ist er angenehm überrascht. Nun ist er seit zwei Monaten in Deutschland an der SRH Hochschule Heidelberg. Die Elektrogeräte im Wohnheim auf dem Campus machen ihm zu schaffen: Die Waschmaschine zerstört die T-Shirts, und die Sensoren und Timer in der Küche sind manchmal ganz verwirrend. Aber Europa gefällt ihm dank seiner Entwicklung, auch wenn die Elektrogeräte nicht immer mitspielen.

Sein Traum hat sich nicht geändert. Er möchte weiter IT studieren, seinen Master und PhD machen. Aber er hat  auch neue Träume und Projekte. Er möchte 20 Waisenkindern die Funktionsweise von Computern beibringen, damit sie, auch wenn sie nicht studieren können, in der Lage sind, etwas mit eigenen Händen zu machen. Er hat auch schon die Räumlichkeiten dafür. Eigentlich wäre Julius gerne wie die heutigen Kinder: technikaffin von klein an.

So habe ich an diesem Mittwochnachmittag eine Geschichte gehört, die auch mein Leben möglicherweise ein Stück weit verändert, wie auch das Leben der Leser. Julius sagt über sein Leben: „Every day I tell myself: I have a dream“. Und damit Träume auch wahr werden, nimmt man doch jede Hürde. Wir wünschen Julius viel Erfolg bei seinen Projekten!