Der neue Prorektor für Forschung und Praxistransfer Prof. Dr. Carsten Diener will die „dritte Mission“ der Hochschule vorantreiben. Wie er sich das vorstellt und welche Hürden dabei zu überwinden sind, erklärt er im Interview.

Herr Prof. Diener, die SRH Hochschule Heidelberg ist eine private Hochschule und keine staatliche Universität. Was bedeutet das für die Forschung?

Gegenüber Universitäten haben wir den Anspruch, Forschungsprojekte praxis- und umsetzungsorientiert anzugehen. Die universitären Einrichtungen betreiben zumeist Grundlagenforschung, eruieren also das Elementarwissen über bestimmte Themengebiete. Die angewandte Forschung rückt wirtschaftliche oder gesellschaftliche Aspekte in den Fokus, mit dem Ziel, die Ergebnisse in der Praxis tatsächlich auch einsetzen zu können. An der SRH Hochschule Heidelberg führen wir viele hochinteressante Forschungsprojekte mit Praxispartnern aus den verschiedensten Bereichen durch. Gleichzeitig unternehmen wir große Anstrengungen in der Akquise von Fördermitteln. Das Team des Forschungsinstituts unsterstützt die kolleginen und Kollegen dabei tatkräftig.

Was bringt uns Forschung denn wirtschaftlich gesehen?

Forschung ist für mich in erster Linie kein Wirtschaftsfaktor, sondern ein Drang. Ich beobachte bei den Kolleginen und Kollegen eine hohe intrinsische Motivation. Forschung liegt uns allen am Herzen! Natürlich zählt am Ende auch das Forschungsprestige einer Hochschule: Renommierte Kooperationspartner sorgen für eine große Aufmerksamkeit und machen uns für die Studierenden attraktiv. Wir halten dadurch unsere Lehre aktuell und sind durch die Beschäftigung mit den wissenschaftlichen Fragestellungen am Puls der Zeit. Die Stahlkraft unserer Projekte kommt unterm Strich auch dem Ergebnis zugute. Aber Forschen bedeutet vor allem, den Geist zu schärfen.

Welche Rolle spielt das „R“ in CORE?

Der Buchstabe steht für die gelungene Verzahnung von Lehren, Lernen und Forschen und ist unser wesentliches Qualitätsmerkmal. Dabei ist die Partizipation der Studierenden von großer Bedeutung: in ihren Bachelor- und Masterthesen arbeiten die Studierenden auf wissenschaftlich solidem Boden und haben am Ende ein Ergebnis in der Hand, das sie bei den Kooperationspartnern des Projektes – sowohl in der freien Wirtschaft als auch in der Wissenschaft – vorweisen können. Forschung bringt einen Karrierekick. Zugleich erwerben die Studierenden in Forschungsprojekten Kompetenzen, die sie ein Leben lang brauchen können: Von der Literaturrecherche über die Konzeption des Forschungsdesigns und die Auswertung bis hin zum Projektbericht oder zur Abschlussarbeit durchlaufen die Studierenden den gesamten Prozess und lernen dabei Projektmanagement und Eigenverantwortung zu übernehmen.

Welche internen Hürden sehen Sie bei der Umsetzung von Forschungsprojekten?

Die hohe Arbeitsbelastung bei den Kolleginen und Kollegen ist schon ein großes Thema. Besonders die Organisation der Lehre frisst sehr viel Zeit. So stehen Zeitmangel und bürokratische Prozesse oftmals der Motivation und dem Forschungsdran gegenüber – manchmal siegt der Zeitmangel, und das darf eigentlich nicht passieren. Wir brauchen also weniger Bürokratie und mehr Gespräche, und zwar bottom up, d. h. ausgehend von den Mitarbeitenden und Studierenden. Deshalb müssen wir die Arbeitsorganisation angehen und positive Rahmenbedingungen schaffen. Wir müssen aber auch den Schritt wagen, ganzheitlicher und offener zu diskutieren. Manchmal muss auch der Benefit interner, fakultätsübergreifender Kooperationen stärker herausgearbeitet werden. Wir wollen mehr Motivation zur übergreifenden Zusammenarbeit erzeugen. Unser Ziel ist die gute Vereinbarkeit von qualitativ hochwertiger Lehre und Forschung und das mit geballter Kraft.

Was ist seit Ihrem Amtantritt passiert?

Jede Fakultät hat andere Vorraussetzungen, um Forschung zu betreiben. Es sind deshalb meiner Meinung nach mehr Orte der Kommunikation zwischen den Fakultäten notwendig. So wurde kürzlich das Forschungskolloqium einberufen, das quartalsweise die Kollegen aller Fakultäten zusammenbringt. Dieses Kolloquim kommt aus der Mitte der forschenden Kollegen. Hier können sie sich austauschen über Forschungsthemen, Probleme und auch Best-Practice-Erfahrungen oder gemeinsame Forschungsprojekte initiieren. Wir haben dem Hochschulsenat nahegelegt, eine Forschungskonferrenz zu etablieren, die die notwenige Rahmenbedingungen schaffen soll, um die Umsetzung der Forschungsprojekte intern zu vereinfachen. Ein weiterer Schritt in diese Richtung ist die Einrichtung eines Forschungsbudgets für jede Fakultät, das ohne bürokratische Hürden eingesetzt werden kann. Nicht zuletzt laufen bereits sehr erfolgreiche Kooperationsgespräche mit der Pädagogischen Hochschule Heidelberg über die Gründung einer gemeinsamen Ethikkommission.

Werfen wir einen Blick auf die Strategieplanung: Wo sehen Sie die Forschung an der SRH Hoschule Heidelberg im Jahr 2022?

Ich sehe eine forschungsaktive Hochschule, die mit ihren Schwester-Hochschulen Projekte realisiert und innerhalb der großen SRH-Welt interdisziplinär und interfakultativ zusammenarbeitet. Auch in Sachen promotion haben wir uns bis dahin weiterentwickelt und die Anzahl diesbezüglicher Kooperationen mit universitären Einrichtungen deutlich ausgebaut. unsere Absolventen sind unsere Nachwuchswissenschaftler, wir brauchen sie. Angedacht ist zudem ein Forschungsprofil mit bestimmten Schwerpunkten. Wir haben einen guten Ruf als kompetenter Forschungspartner und Berater für interdisziplinäre Forschungsprojekte. Darüber hinaus verzahnen wir durch den Praxisbezug Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur: Das ist unsere „dritte Mission“. So ist Forschung für uns ein entscheidender Faktor.