Physio- und und Ergotherapie-Studierende arbeiten interdisziplinär mit den Bewohnern in der Pflegeheimat St. Hedwig. 

Herr Reiter* möchte wieder gehen können. Frau Meder* leidet unter einem Borderline-Syndrom, unter Gangunsicherheit nach einer Knieverletzung, unter Epilepsie und anderen Erkrankungen. Herr Libold* schläft eigentlich fast nur, bei Tag und Nacht. Frau Sellku* ist dement und Frau Blum* kann nicht mehr gut sehen: Die Bandbreite an Unterstützungsbedarf auf physischer und psychischer Ebene ist in Pflegeheimen groß. Die Einrichtung St. Hedwig in Heidelberg hat aktuell 105 Bewohnerinnen und Bewohner, die älteste Bewohnerin ist 102, der jüngste 40 Jahre alt. Seit 2015 arbeitet die Einrichtung mit den therapeutischen Studiengängen der SRH Hochschule Heidelberg zusammen.

Vorbesprechung in St. Hedwig. Heute sind die Studierenden der Physio- und Ergotherapie in ihrem Modul Wahlpflichtfach: Geriatrie bei den Bewohnern. Prof. Dr. Mieke Wasner, Dekanin der Fakultät für Therapiewissenschaften, führt in den heutigen Tag ein: „Wie gehen Sie heute  vor?“, fragt sie die Studierenden. In der Geriatrie spielt die Tagesform eine wesentliche Rolle, damit  steht und fällt  die Behandlung, erklärt sie. Nach der Begrüßung ihres „Klienten“ fragen die Studierenden also erst mal nach dem Wohlergehen, erklären den heutigen Ablauf, führen eventuell nochmals Tests zur Mobilität durch und gehen dann in die Umsetzung. „Die Studierenden brauchen hier schon einiges an Feingefühl“, sagt Wasner.

Die Physiotherapie-Studentin Annette Lohmann ist heute mit Herrn Reiter unterwegs, der nach einem Sturz an Silvester im Rollstuhl sitzt und nun wieder das Gehen übt. „Sie zeigen mir erst mal das Haus“, fordert sie den 64-Jährigen auf. Wenn er außer Atem kommt, bleiben die beiden stehen, doch insgesamt ist Reiter hoch motiviert, strengt sich sehr an  und ist nach dem Rundgang durch das Haus hoch zufrieden. „Endlich kann ich mich wieder ein bisschen besser alleine bewegen“, sagt er nicht ohne Stolz und gibt, gefragt nach dem Erfolg des physiotherapeutischen Einsatzes auf einer Skala von 1 bis 10, der Studentin eine 10. „Vorher kannte ich Altersheime nur aus Filmen. Man lebt ja ein bisschen wie in einer Blase. Ich wollte mehr über die Geriatrie wissen“, erklärt Lohmann ihre Entscheidung für das Modul. „Mir macht der Kontakt mit Einzelpersonen über längere Zeit viel Spaß.“

Unterdessen arbeiten Laura Miller aus dem Studiengang Physiotherapie und Ergotherapie-Studentin Romy Siegert mit Frau Meder zusammen. Sie tonen Grablichter für den Friedhof, auf dem ihre Eltern liegen. Voller Eifer formt Meder eine Schale, macht die Finger wieder nass und bearbeitet sie erneut. „Das Tonen beruhigt sie immer und ist motivationsfördernd“, erklärt Siegert. Am Ende der Sitzung mit den Studierenden freut sich Meder sehr über das produktive Ergebnis der halben Stunde.

„Die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Ergo- und Physiotherapiestudierenden ist sehr fruchtbar“, berichtet Wasner. Auch später müssen die Absolventen in den Einrichtungen häufig interprofessionell zusammen arbeiten.

Andreas Lauer, Leiter der Pflegeheimat St. Hedwig, freut sich über die Unterstützung durch die SRH Hochschule Heidelberg, die auch in einem Forschungsprojekt der Musiktherapeuten zum Tragen kommt. „Bei unseren Bewohnern besteht großes Interesse an den Angeboten“, sagt er.

*Namen von der Redaktion geändert.