Skye hieß mal Brian. Vor 26 Jahren wurde sie mit diesem Namen geboren. Auf Wir-Online berichtet die Studentin der Virtuellen Realitäten von ihrer Entwicklung vom Mann zur Frau.

Von Geburt an stand Brian dazwischen: Geboren auf einer US-Militärbasis in Italien als Sohn einer deutschen Mutter und eines US-Soldaten, aufgewachsen in Frankenthal, ein Jahr lang Schule in den USA, dann zum Schulabschluss wieder nach Deutschland, zu seinem Opa in die Eifel. Auch sprachlich gehen Deutsch und Englisch bis heute ein wenig durcheinander.  Dazu fühlte sich der junge Mann zwischen den Geschlechtern: Ein Leben im „Dazwischen“.

Zwischen Theorie und Praxis

„Rückblickend gab es schon in meiner Kindheit Anzeichen dafür, dass mein Gehirn für eine Frau verkabelt ist. Aber der Körper hat sich anders entwickelt, wie ich mit 14 oder 15 merkte“, erzählt die heute 26-Jährige. Schon als Junge mit langen Haaren habe sie in Rollen- oder Computerspielen eher weibliche Charaktere angenommen. Beziehungen gab es wenige. Wie viele Transgender-orientierten entwickelte Brian während der Pubertät eine Depression. „Es war eine kriechende Sache.“ Er redete mit seinen Freunden, aber sie wussten nichts damit anzufangen. Mit den Eltern sprach Brian erst, als er 19 war – am Telefon, da sie zum Zeitpunkt in den USA lebten und er in Deutschland. „Natürlich hatte ich Angst davor, wie sie reagieren würden. Sie wussten aber erst mal gar nicht viel damit anzufangen. Nur meine Schwester meinte später: `Das macht Sinn´.“ Brian suchte sich einen Therapeuten, während er sein Studium in Aachen begann: Theoretische Informatik. Dieses Studium brach er nach zwei Semestern ab. „Es war so, wie es klingt. Den Beweis, dass 1=1 ist, brauche ich hoffentlich nie wieder“, lacht die Studentin. Sie entschied sich mit dem Studiengang Virtuelle Realitäten an der SRH Hochschule Heidelberg für ein Studium mit mehr Praxisnähe.

Zwischen Mann und Frau

Die Umwandlung begann mit dem so genannten Alltagstest: Ein Jahr lang kleidete und präsentierte Brian sich als Frau und stellt sich als Skye vor. „Not even the sky is the limit!“, erklärt sie ihr Motto dahinter. Ende 2019 begann Brian schließlich mit der Hormontherapie. Die Krankenkasse übernimmt die Therapie und die spätere OP, bis auf die Enthaarung am Körper und die Stimmbildung. Die ohnehin schon langen schwarzen Haare kamen Brian dabei zu Gute: „Ich habe good genes“, sagt sie. Die Hormone allein verändern nicht die Stimmlage. Die Stimme trainierte Skye selbst, ohne Hilfe eine*s Logopäd*in: Lachen, Schreien, die Sprachmelodie – Skye schaute sich viel aus Videos oder von Frauen in ihrer Umgebung ab, übte acht Monate lang, nahm ihre Stimme auf, hörte sie wieder ab, war sehr selbstkritisch. Auf dem Gaming-Kanal Twitch konnte sie ihre Stimme testen, erst ohne, dann auch mit Kamera. „Es war eine Reise“, seufzt sie und lacht dann. Eine Reise mit Erfolg – ihre Stimme klingt absolut weiblich und niemand auf Twitch zweifelt ihr Geschlecht an.

Zwischen den Türen

Dennoch war und ist sie immer noch nervös, wenn sie in neue Gruppen kommt und sich vorstellt. „Schauen mich die anderen Menschen an, weil ich seltsam wirke, oder weil sie mich attraktiv finden?“, fragt sie sich dann. Aber letztlich zählten die direkte Umgebung und die Anerkennung im persönlichen Kreis. Der ein oder andere Freund spricht beharrlich aus Gewohnheit immer noch von „ihm“ statt „ihr“, aber das sei okay. Der erste Toilettengang in der Rolle als Frau war eine weitere Hürde. Männerklo, Frauenklo, manchmal weiß sie nicht durch welche Tür sie gehen soll, hat Angst vor irritierten Blicken. Als sie beim Shoppen an der Umkleide in die Kabine für Frauen verwiesen wurde, war diese Bestätigung für sie ein wichtiger Schritt.

Gendersprache ist für Skye kein großes Thema, wie sie sagt: „Ich würde mir wünschen, dass es auch sprachlich keine Reflektion des Geschlechtes gibt. Die ganze political correctness ist manchmal overloaded.“ Wichtiger wäre es ihr, „stealth“ zu leben, so, dass man ihre Geschlechtsrolle als selbstverständlich anerkennt. Sie will gar keine Reaktionen provozieren. In Deutschland sei das viel einfacher als in anderen Ländern, wie Skye erzählt: „In anderen Ländern ist dieses Thema ein vollkommenes Tabu. Auch in den USA ist man viel mehr auf sich selbst gestellt. Hormone sind schwieriger zu bekommen, die Gesundheitsversorgung ist schlechter.“

Neue Wege

Der heutige Zwischenstand? Ihr Studium geht noch im Sommer zu Ende, jetzt geht es an die Jobsuche. Skyes Personenstandsänderung ist noch offen. Dafür benötigt die 26-Jährige noch zwei Gutachten, die sie mit jeweils 200 Euro selbst zahlen muss. Und dann kommt noch irgendwann die OP. Dennoch: „Der größte Teil des Stresses ist vorbei, der Druck fällt ab, auch der finanzielle. Es gab Zeiten, in denen ich mich gefühlt immer nur im Kreis gedreht habe. Jetzt bin ich weniger deprimiert, es geht vorwärts.“

Hilfreiche Links:

http://www.transtreff-mannheim.de/

https://lgbt.wikia.org/wiki/Transsexualism

https://www.merckmanuals.com/professional/psychiatric-disorders/sexuality,-gender-dysphoria,-and-paraphilias/gender-dysphoria-and-transsexualism