Für den Maschinenbau-Student Walter ist der digitale Studienbetrieb besonders anstrengend. Der 23-Jährige hat das Asperger-Syndrom, das mit einer hohen sensorischen Empfindlichkeit einhergeht. Wieso er die digitalen Vorlesungen trotzdem bevorzugt und wie er das Studium meistert, erzählt er bei Wir-Online.

Wenig Licht dringt durch den Ring – die Reize werden weitestgehend ausgeblendet.
Durch diesen Ring kann viel Licht dringen – das führt zu einer Reizüberflutung. So ähnlich nimmt Walter seine Umgebung wahr.

 

 

 

 

 

 

 

„Das ist ein Filter, den kann man variabel einstellen. So sehe ich ungefähr die Welt, also ziemlich viel kommt durch. Bei anderen Menschen kommt weniger durch. Das ist auch weniger anstrengend“, erklärt Walter, während er einen Ring zeigt (s. Fotos). Die schwarze Fläche des Rings, die er von hinten mit einer Taschenlampe bestrahlt, kann er so einstellen, dass entweder viel Licht durchkommt oder wenig. Walters Wahrnehmung filtert nicht so viel heraus, er ist einer höheren Reizflut ausgesetzt, welche im Experiment durch das Licht der Taschenlampe verbildlicht wird. So kann er veranschaulichen, wie die Welt für ihn aussieht – erklären, wieso er schneller müde und unkonzentriert wird. Dass er dabei nur für sich sprechen kann, stellt er ebenfalls klar: „Wichtig ist: Wenn du einen Autisten kennst, dann kennst du genau einen, denn jeder ist individuell. Da gibt es verschiedene Spektren. Von Leuten, die lernen müssen zu essen bis hin zu Albert Einstein. Das ist wohl der Berühmteste, oder Greta Thunberg.“

Die späte Diagnose

Walter war lange Zeit wegen einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung, kurz ADS in ärztlicher Behandlung, doch Anzeichen für Autismus fielen anfangs nicht auf. Er erinnert sich: „Das ADS hat ohnehin Konzentrationsschwierigkeiten mit sich gebracht und wurde schon in der Grundschule mit Medikamenten behandelt.“ Dass er das Asperger-Syndrom hat, daran dachte noch keiner. Das Asperger-Syndrom ist eine autistische Entwicklungsstörung, die sich unter anderem durch soziale Auffälligkeiten äußert. Diese entwickeln sich allerdings häufig erst im Zuge der Pubertät. So erhielt Walter seine Diagnose erst mit 15 Jahren. Zum Glück noch rechtzeitig, wie er feststellt: noch vor der Prüfung zur mittleren Reife. Ohne Diagnose hätte er keinen Nachteilsausgleich erhalten und es wäre wahrscheinlich gewesen, dass er deswegen nicht bestanden hätte. „Damit wäre dann der Weg zum Abitur und natürlich zum Studium nicht mehr möglich gewesen“, erzählt er.

Herausforderungen meistern

Seit 2019 studiert Walter nun Maschinenbau an der SRH Hochschule Heidelberg. Dabei kann er seine Begabung fürs Wissenschaftliche und seine Begeisterung für Technik ausleben. Er fühlt sich wohl an der Hochschule, besonders vom CORE-Prinzip ist er begeistert. Der Student schätzt vor allem die kleinen Gruppengrößen und den festen Stundenplan. Auch, dass er sich immer an Mitarbeitende oder die Mentoren wenden kann, ist eine große Unterstützung.

Das CORE-Prinzip legt allerdings unter anderem einen starken Fokus auf Sozialkompetenz. Für Autisten, die Schwierigkeiten im sozialen Umgang haben, ist das eine Herausforderung: „Als Autist liegt es mir nicht so sehr, an Gruppenaktivitäten teilzunehmen. Das ist für mich, für mein Gehirn, mehr Arbeit als Entspannung.“ Besonders Smalltalk fällt dem Studenten dabei schwer. Davon merkt man zu Beginn nicht viel, wenn man mit Walter ins Gespräch kommt. Darauf angesprochen führt er dies auf die Sozialtherapie zurück, die er gemacht hat. „So wie jemand mit einer Amputation durch Training trotzdem eine Tür öffnen kann, so habe ich soziales Training gehabt“, zieht er den Vergleich. Alles in allem kommt der 23-Jährige gut zurecht, was nicht zuletzt an seiner unermüdlichen Wissbegier liegt.

„Online-Unterricht ist gar nicht so schlecht“

Normalerweise fährt Walter den Weg zur Hochschule mit seinem eigenen Auto. An den momentan digital stattfindenden Vorlesungen hat er aber auch Gefallen gefunden. Er wägt ab: „Für manche Vorlesungen ist es schon besser vor Ort zu sein, aber Online-Unterricht ist gar nicht so schlecht. Es ist vielleicht ein bisschen ermüdender, weil die Augendistanz geringer ist, aber ansonsten macht es mir Spaß.“ Eine Erleichterung stellen für ihn insbesondere die Pausen dar. Auf dem Campus wusste er oft nicht, wie er seine Zeit in den zum Teil langen Pausen verbringen sollte. Zuhause kann er die Pausen nutzen, um Zeit mit der Familie zu verbringen oder sich zurückzuziehen.

Um nach den Vorlesungen abschalten zu können, hört Walter gern Radio. „Es gibt die Theorie, dass Autisten sich gut entspannen können, wenn sie Dinge machen, die sie bzw. ihr Gehirn schon kennt. Und im Radio kommt ja relativ häufig das Gleiche“, reflektiert er. Auf die Frage ob er ein Lieblingslied hat, antwortet er allerdings lachend: „Nein. Also wenn, dann wechselt das jede Woche.“