Episode 2: Der Durchbruch ist nah – SRH-Studentin Isabelle Schulz schildert in ihrer nächsten WG-Anekdote über das Badregal, wie ihr Mitbewohner das „Geschäftliche“ mit dem Nützlichem verbindet.

Was bereits geschah

Willkommen zurück. Du befindest dich nun in der nächsten kleinen Anekdote meines WG-Lebens. Zur Erinnerung: mein Name ist Isabelle und ich wohne zu Studienzwecken in Heidelberg in einer WG mit einem Mann. Soviel zu den Gegebenheiten. Falls dir das hier alles jedoch unbekannt vorkommt, würde ich dir stark empfehlen, Episode 1 dieser Kolumne vorher zu lesen.

Nachdem wir nun also der Trostlosigkeit der Gemeinschaftsräume den Kampf angesagt hatten, ließ sich bereits der erste Erfolg verzeichnen. Es ist nun bereits Januar und der Weihnachtsstern steht immer noch im Fenster. Vielleicht liegt es an meiner Liebe zu Weihnachten oder auch einfach an purer Faulheit, das Ding wegzuräumen. Das Urteil bleibt jedem selbst überlassen, doch lasst uns ehrlich sein: Jeder findet, wenn er sucht, noch irgendwo im Haus Mitte Juni eine weihnachtliche Deko-Schneeflocke oder Lametta an einem Treppengeländer. Vermutlich werde ich diesen Stern auch noch stehen lassen, bis die arktischen Temperaturen hier in Heidelberg sich verziehen, einfach weil es schön aussieht und mein Mitbewohner es duldet.

Das Badregal

Doch lasst uns mit einer neuen Story frisch in das Jahr 2019 starten: das bereits angekündigte Badregal. Wer kennt es nicht: Man fährt zu IKEA, braucht nichts und kommt raus mit Möbeln, die man spontan tatsächlich braucht. Nun, genauso erging es mir auch, bis auf dass ich das neue Badregal wirklich dringend benötigt habe. Nach drei Monaten Studium habe ich Freundinnen gefunden, die ab und zu mal vorbeischauen. Da ist es schon angebracht, neben der Toilette gewisse Hygieneartikel griffbereit zu haben.

Der Anflug von Motivation brachte mich also dazu, blind ein kleines Regal für neben die Toilette zu kaufen. Ohne den Platz vorher ausgemessen zu haben. Ohne zu fragen, ob ich da überhaupt etwas hinstellen darf. Somit kam ich zurück, räumte die Möbelkartons aus und informierte meinen Mitbewohner über meinen Spontaneinkauf. Kein verängstigter Blick, nur ein einfaches: „Cool!“ und die Anmerkung, ich könne ja Bescheid sagen, wenn ich fertig bin mit Aufbauen, sein Kumpel wäre noch da. Mein anfänglicher Mut und die Freude über den Einkauf sind blitzartig verflogen. Ein Gefühl des Misstrauens machte sich in mir breit. Kann das sein? Ist es möglich, dass er das einfach so akzeptiert? Da kann doch etwas nicht stimmen. Nun ja, lasst mich sagen, meine Eltern haben mich gut vorbereitet: Nicht einmal eine halbe Stunde brauchte ich, um das Regal aufzubauen, und das ganz alleine. Ich denke, darauf kann man schon mal stolz sein.

Somit schritt ich an seinem Zimmer vorbei, platzierte das Regal im Bad und klopfte an der Tür für seine „Sichtung“. Ihr werdet es nicht glauben, es gefiel ihm! Ein bisschen Smalltalk hier, ein paar Witze da. Voller Euphorie sagte ich aus Spaß dann zu ihm: „Mensch, da bin ich ja froh, dass es dir auch gefällt. Aber hey, selbst wenn´s dir nicht gefallen hätte, hätt´ ich´s stehen lassen. Einfach, weil ich mir den Riss gegeben habe, das jetzt aufzubauen!“ Haha. Er lachte. Ich lachte. Wir gingen wieder getrennte Wege, jeder in sein Zimmer. Soweit so gut oder?

 

Das war noch lange nicht alles

Wer dachte, die Geschichte sei hier vorbei und wir lebten glücklich und zufrieden mit unserem neuen geliebten Badregal, der hat das Prinzip dieser Kolumne noch nicht verstanden. Der nächste Morgen kam schnell, genauso schnell, wie mein Mitbewohner um die Ecke schoss als er hörte, wie ich mein Zimmer verlasse. Was mich nun erwartete, war eine Standpauke der Lehrerart. Zurückversetzt in die 5. Klasse, ließ ich mir nun erklären, dass mein witziger Spruch doch nicht ganz so witzig war. Wir würden in einer Wohngemeinschaft leben, und da ginge es darum sich gegenseitig mit Respekt entgegen zu kommen und die Meinung des anderen zu akzeptieren. Im Klartext: Hätte ihm das Regal nicht gefallen, hätte ich es abbauen müssen.

Verständnisvoll wie ich bin, erklärte ich ihm dringlich, dass das ein Witz war, nicht so ernst gemeint und ich öfter solche Sachen sage würde. Doch er wollte vermutlich, dass es sich tief in meinen Gedanken verankert und setzte erneut an mich zu belehren, dass wir uns diese Räume teilen und auf die Wünsche des anderen eingehen müssen.

Meinen Kommentar zu seinem vierteiligen Wäschekorb im Bad, der den halben Weg versperrt und die Sicht auf seine benutzte Unterwäsche freilegt, konnte er leider nicht nachvollziehen.

„Das habe ich nun seit einigen Jahren, das System hat sich bewährt und ich werde daran nichts ändern!“

Kommt das jemandem aus der letzten Episode bekannt vor?

Nachdem er dann in den folgenden Wochen versuchte mir zu erzählen, dass ihn das Regal in den Rücken piekse beim Toilettengang, entwickelte ich eine Haltung, die ich selbst noch gar nicht von mir kannte: Ich war nicht mehr kompromissbereit. Sein Lösungsvorschlag für UNSER Problem: Wir können es ja woanders hinstellen. Mein Lösungsvorschlag: Er soll es jedes Mal, wenn er „Geschäftliches“ zu erledigen hat, zur Seite schieben und wenn er fertig ist wieder zurückstellen. Der Vorschlag wurde überraschenderweise angenommen. Natürlich testete er die Grenzen aus und ließ das Regal manchmal extra stehen, doch ich schob es geduldig und extra laut immer wieder an seinen vorgesehenen Platz zurück.

Und siehe da: nach drei Wochen gab er den „Kampf“ auf und das Regal steht unverändert an seinem Platz. Das Pieksen scheint wohl doch nicht so schlimm zu sein. Ein kleiner, aber doch sehr wichtiger Sieg in unserer Beziehung und meinem Part als Mitbewohner.

Aber wenn wir schon im Bad sind, steht da nicht eine undichte Waschmaschine? Und irgendetwas stimmt mit der Tür nicht… Dies und mehr in der nächsten Episode!

P.S. Schick uns doch mal deine WG-Geschichte oder Tipps – wir veröffentlichen sie gerne auf Wir-Online: wir@srh.de!