Es beginnt mit der Geburt und endet erst mit dem Tod – wir lernen ständig und überall, da wir permanent mit der Umwelt in Resonanz treten. „Leibliches lernen“ nennt Prof. Dr. Barbara Wolf, Studiengangsleiterin Kindheitspädagogik, diesen Prozess. Im Interview erklärt sie, was Lernen mit Gefühlen zu tun hat.

Frau Wolf, Sie vertreten die These, dass Kinder leiblich lernen. Was steckt hinter diesem Konzept?

Wolf: Kinder lernen, indem sie sich mit ihrer Umgebung auseinandersetzen. Wenn Kinder zum Beispiel einen Regenwurm entdecken, l.uft ein wahnsinniger Prozess ab. Es geht ihnen überhaupt nicht darum, ihn mit einem Maßband zu erfassen, sondern ihn anzufassen und anzuschauen. Wie fühlt er sich an? Wie ringelt er sich? Das Interesse ist sofort da. Ein anderes Beispiel: Ein hungriges Kind schreit und krümmt sich dabei. Wir Wissenschaftler nennen diesen Prozess Engung. Sobald die Mutter das Kind füttert, erfährt es eine Weitung. Es hat gelernt, dass sein Schreien eine Wirkung hat. Lernen ist Aktion und Reaktion.

Setzt sich diese Art des Lernens später fort?

Wolf: Je jünger die Menschen sind, desto stärker ist eine Bestätigung von außen erforderlich, aber auch Studierende suchen sich häufig ihre Module danach aus, wo sie eine angenehme Atmosphäre finden, Wertschätzung erleben und diese als leibliche Schwingung verspüren.

Was bedeutet dies für die Lehre?

Wolf: Für Pädagogen bedeutet dies, dass die Fakten im Curriculum eigentlich gar nicht so wichtig sind, sondern die Betroffenheit zählt, die sie wecken müssen. Es ist die Aufgabe der Lehrenden, Gefühle wahrzunehmen und sanft in eine andere Richtung zu transportieren. In der Ausbildung der Studierenden ist es demnach wichtig, die Selbstständigkeit zu fördern, aber auch eine gewisse Abhängigkeit zuzulassen. Nur so können die Studierenden entdecken, wo ihre Stärken und Schwächen liegen und wie sie damit umgehen können.

Ist das Studienmodell CORE hier schon auf dem richtigen Weg?

Wolf: CORE bietet die Chance, neue Zugänge zum Lernen zu finden. Die unterschiedlichen Herangehensweisen an die Themen in den Modulen und das Einnehmen verschiedener Perspektiven in den Fünf-Wochen-Blöcken begünstigen den Lernprozess sehr. Natürlich verlangt es auch Mut und eine gewissen Anstrengung von den Lehrenden, leiblich vorzugehen, und auch die Studierenden müssen offen dafür sein. Den Zugang zum eigenen Erleben zu schaffen, das halte ich für die eigentliche Herausforderung in der Lehre. Wenn uns das gelingt, werden wir mit CORE Erfolg haben.

Es ist die Aufgabe der Lehrenden, Gefühle wahrzunehmen und sanft in eine andere Richtung zu transportieren.
Prof. Dr. Barbara Wolf, Studiengangsleiterin Kindheitspädagogik

Welchen Einfluss hat die Technisierung auf den Lernprozess?

Wolf: E-Learning bietet Chancen, birgt aber auch Gefahren. Ich muss den Einzelnen erreichen, um das Lernen nachhaltig zu verankern. Die Technik sorgt doch für eine Entfremdung dabei. Es fehlt die Resonanzperson, die für das leibliche Lernen so wichtig ist. Lernen mit den modernen Medien ist daher schwierig, aber nicht unmöglich. Hier müssen wir noch die richtigen Wege finden.

Funktioniert das Lernen im Alter noch genauso?

Wolf: Auch im Alter bleibt das Lernen relevant, selbst bei dementen Personen. Sie vergessen nicht nur, sie lernen immer noch. Hier zeigt sich vor allem, welche Inhalte sie leiblich verinnerlicht haben. Gewisse Abläufe verlernt man nicht, und gerade in diesem Stadium sind Rituale sehr wichtig, denn die Personen spüren natürlich immer noch, fühlen sich wohl oder unwohl. Die an Demenz erkrankten Menschen verändern sich häufig stark, auch das ist Lernen. So lernen wir wohl lebenslang und in allen Lebenslagen leiblich und damit nachhaltig. Das beschränkt sich natürlich nicht auf Regenwürmer, sondern auf alle Wissensinhalte.