Zum 12. Mal reiste Prof. Dr. Stephan Schöning, akademischer Leiter SRH Hochschule Heidelberg Campus Calw, zur Partnerhochschule Marmara Universität in Istanbul. Neben der Lehre stand dieses Mal der Startschuss für ein weiteres gemeinsames Projekt auf dem Programm. Nach seiner Rückkehr antwortet er auf Fragen.

 

Wie lange waren Sie dieses Mal in Istanbul

Es ist immer ein knapper, durchgetakteter Aufenthalt: Montags fliege ich in die Türkei und habe abends die ersten Besprechungen, Dienstag bis Donnerstag bin ich an der Universität und habe Vorlesungen und weitere Besprechungen. Und am Freitag geht es wieder zurück nach Deutschland.

Wo halten Sie sich in Istanbul auf?

Die deutschsprachige Abteilung der Marmara-Universität ist während meiner Zusammenarbeit dreimal umgezogen, sodass ich verschiedene Teile der Stadt kennengelernt habe. Aktuell befindet sich die Abteilung auf dem Göztepe Campus auf der asiatischen Seite. Wegen der Nähe zum Atatürk-Flughafen wohne ich allerdings auf der europäischen Seite in der Altstadt und setze mit der Fähre von Eminönü nach Kadıköy über den Bosporus. Das wird sich beim nächsten Aufenthalt sicherlich ändern, wenn der neue Flughafen eröffnet sein wird.

Was haben Sie dieses Mal an der Marmara Universität unterrichtet?

Den Bereich Innenfinanzierung innerhalb der Veranstaltung Investition und Finanzierung für Studierende im 3. Semester.

Wie lehrt es sich an einer türkischen Universität?

Die Lehre unterscheidet sich erheblich von derjenigen an der SRH Hochschule Heidelberg: Es sind recht traditionelle Frontalvorlesungen und es ist nicht einfach, die Studierenden einzubeziehen. Das liegt zum einen an der Sprachbarriere, denn für die meisten Studierenden ist Deutsch die zweite Fremdsprache nach Englisch. Professoren und Dozenten wird mit sehr hohem Respekt begegnet und manch Studierender traut sich nicht, Fragen zu stellen oder auf Fragen des Dozenten zu antworten. Zum anderen sind es die Studierenden auch nicht gewohnt, in Veranstaltungen einbezogen zu werden, denn das ist an türkischen Universitäten eher unüblich. Eine Frage in den Raum zu stellen und auf eine Äußerung der Studierenden zu warten, führt daher zunächst zu einer lähmenden Stille. Aber nach einer Weile gelingt es mir zumeist doch, die Studierenden einzubeziehen und sie dazu zu bringen, Fragestellungen zunächst untereinander zu diskutieren und Antworten vorzustellen.

Wie setzen sich Ihre Studierenden an der deutschsprachigen Abteilung zusammen?

Die meisten Studierenden sind Türken, die einen Bezug zu Deutschland haben. Es sind auch immer ein paar Erasmus-Studierende aus Deutschland in den Vorlesungen. Mit ihnen ist es wegen der fehlenden Sprachbarriere einfacher zu arbeiten. Aber ihre Anwesenheit hemmt gleichzeitig die Mitwirkung der türkischen Studierenden.

Warum gibt es überhaupt ein deutschsprachiges Studienangebot an der Marmara Universität in Istanbul?

Die deutschsprachige Abteilung für BWL an der Marmara Universität Istanbul hat ihren Ursprung in den Reformen nach dem ersten Weltkrieg: Im Zuge der Gründung der modernen Türkei war beschlossen worden, Gesetzbücher aus verschiedenen Ländern Europas übernehmen. Aus Deutschland wurde das Handelsgesetzbuch übernommen. Um die Forschung und Lehre in der Ursprungssprache zu ermöglichen, wurden an türkischen Universitäten fremdsprachige Abteilungen etabliert. Die deutschsprachige Abteilung für BWL der Marmara Universität bietet ein komplettes Studienprogramm der Betriebswirtschaftslehre auf Deutsch an.

Gibt es aktuell Änderungen?

Die fremdsprachlichen Abteilungen für BWL werden aktuell mit der türkischsprachlichen Abteilung verschmolzen. Hintergrund dafür ist das Bestrebungen, das Lehrpersonal flexibler in den verschiedenen Programmen einzusetzen. Bislang ist dies aufgrund der organisatorischen Abgrenzung nur sehr begrenzt möglich. An den Studienprogrammen selbst soll sich allerdings nichts ändern.

Was für ein Projekt haben Sie vereinbart?

Während meines Aufenthalts habe ich mit meinen türkischen Kollegen ein neues Publikationsprojekt mit dem Rahmenthema „Digitalisierung der BWL“ vereinbart. Es soll Prof. Dr. Haluk Sümer gewidmet werden, der maßgeblich am Aufbau der deutschsprachigen Abteilung für BWL an der Marmara Universität vorangetrieben hat. Neben den Wissenschaftlern von der Marmara Universität werden zahlreiche deutsche und österreichische Professoren und Dozenten beteiligt sein, die in den vergangenen Jahren Gastlehrveranstaltungen in der Türkei gehalten haben. Als Mitherausgeber fungiert wie beim ersten Buchprojekt Prof. Dr. Helmut Pernsteiner von der Johannes-Kepler-Universität in Linz an der Donau.

Was für Sie besonders reizvoll an der Kooperation mit der Marmara Universität?

Jede Rückkehr nach Istanbul ist wunderbar, da ich nach der langen Zeit der Zusammenarbeit mit den Kollegen quasi zur Familie gehöre. Das Lehren macht Spaß, selbst wenn es eine Herausforderung ist. Und der Campus ist sehr lebendig, mit seinen Cafés, der Bühne mit Musik und Tanz sowie den Sportanlagen. Zudem ist Istanbul eine sehr faszinierende Stadt und immer eine Reise wert.