Handys sind in der Justizvollzugsanstalt Heimsheim verboten. Lara Bobrich, Absolventin des Studiengangs Medien- und Kommunikationsmanagement in Calw, wollte wissen, wie es den Häftlingen dabei geht, und hat sie besucht.

Heimsheim, im Februar. Es ist sechs Uhr morgens. Männer brüllen, Schlüssel klappern, Türen knallen. Häftlinge werden geweckt. Jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte. Wegen Drogen-, Eigentums- oder Vermögensdelikten, Körperverletzung, Sexualstraftaten, Mord, Totschlag oder fahrlässiger Tötung sitzen sie ein. Sie leben hinter Gittern, Zelle an Zelle, umgeben von einer Mauer, 5,20 Meter hoch, Natodraht obendrauf. Allein der bloße Anblick dieser Schneiden auf der Mauerkrone schmerzt. „Über diese Mauer hat es noch keiner geschafft. Und das ist auch gut so!“, erläutert Ernst Weigandt, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Justizvollzugsanstalt Heimsheim (JVA).

Wecken – Frühstücken – Arbeiten – Mittagessen – Arbeiten – Duschen – Freizeit – Hofgang – Abendessen – Zellenverschluss – Nachtruhe. Jeden Tag der gleiche eintönige Ablauf. Und überall die kalten Gitterstäbe vor den Fenstern. Draußen in der Freiheit sind die Menschen ständig mit ihrem Smartphone beschäftigt. Uneingeschränkt können sie jederzeit Printmedien lesen, Radio hören und Fernsehen schauen, das Internet ohne Reglementierung nutzen und in sozialen Netzwerken kommunizieren.

Auf dieser Seite der Gitterstäbe sieht es ganz anders aus. Handys sind hier verboten! Das ist ein großes Problem für die Häftlinge. Verschlossene Zelle – Isolation – abgeschnitten von der Außenwelt – Einsamkeit. Vor dem inneren Auge: nichts – nichts als dunkle Sackgassen. Um diese innere Not wissen auch die Angehörigen. Not macht erfinderisch. Schmuggelflüge mittels Drohnen sind aber eine Seltenheit.

«Handys sind begehrte Objekte in einer Vollzugsanstalt. Gefangene nutzen sie zur Kontaktaufnahme mit Angehörigen, aber auch, um den Drogenschmuggel zu koordinieren.»
– Hubert Fluhr, Anstaltsleiter JVA Heimsheim –

Anstaltsleiter Hubert Fluhr äußerte gegenüber der Südwest Presse: Handys sind begehrte Objekte in einer Vollzugsanstalt. Gefangene nutzen sie zur Kontaktaufnahme mit Angehörigen, aber auch, um den Drogenschmuggel zu koordinieren. Kein Verbot ohne Grund. Vollzugsbeamte müssen deshalb bei Dienstbeginn ihre Handys abgeben, damit die Häftlinge nicht in Versuchung geraten, diese zu stehlen und damit weitere Straftaten zu begehen. Ernst Weigandt erläutert weiter: „Innerhalb der Mauern kann nur gegen einen relativ hohen Geldbetrag über das Festnetz telefoniert werden. Der Telefonapparat steht auf dem Flur. Die Telefongespräche können stichprobenartig mitgehört werden.“ Von Privatsphäre können die Gefangenen nur träumen.

Für Gefangene wie Joachim K. (Name von der Redaktion geändert) ist das Fernsehen das wichtigste Medium. „Darüber kriegt man mit, was draußen passiert“, sagt er in einem Hintergrundgespräch: „Ob wir schon Krieg haben oder noch nicht.“ Das Gehäuse des Fernsehers ist verglast, transparent – es bietet keine Möglichkeit, Verbotenes darin zu verstecken.

Die Pforzheimer Zeitung, die auf dem Hof in einem Schaukasten für alle zugänglich ist, liest er eher selten. „Es ist mir zu blöd, mich da hinzustellen.“ Auch andere Häftlinge schenken dem Aushang kaum Beachtung. Pro Tag werden ca. 50 Magazine und Zeitungen in die JVA geliefert. Am Ende des Gespräches in der Gefangenenzelle geht es noch um die so genannten Neuen Medien: „Das Internet dürfen wir gar nicht benutzen, das ist komplett tabu“, sagt Joachim K. mit betroffener Stimme. Das heißt auch: kein Tweet, kein Like, keine WhatsApp-Nachricht.

Daher hat er auch Sorge, dass er sich nach seiner Entlassung nicht so leicht zurechtfindet: „Ich bin in der Zeit etwas stehen geblieben, kann die ganzen Sachen nicht bedienen.“ Mangels Zugang zum Internet hat er kaum Chancen, mit der schnellen medialen Entwicklung mitzuhalten. Ihm bleibt nur die Retrovariante: Briefe schreiben. Für alle, die es nicht mehr wissen: mit der Hand – echt old school! Doch selbst hier gilt: Big brother is watching you! Oder wie Ernst Weigandt sagt: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser – der Sicherheit wegen.“

Drinnen. Draußen. Das ist mehr als ein Ortswechsel. Drinnen und draußen – das sind Zeitbegriffe in der Knastsprache. Drinnen steht für das Hier und Jetzt, für die zensierte Mediennutzung. Und draußen – das ist die Zukunft, die mit all den vermeintlich großen Freiheiten der Medienwelt lockt.

«Ich bin in der Zeit etwas stehen geblieben, kann die ganzen Sachen nicht bedienen.»
– Häftling in der JVA Heimsheim –

Doch darauf muss Joachim K. noch sehnsüchtig warten. Zwei lange Jahre wird er noch offline im Knast verbringen. Fragt sich nur, ob nicht auch die Menschen da draußen schleichend, ohne es zu merken, bereits Gefangene der medialen Welt sind. // LB