Im Projekt „Abenteuer Essen“, einem Ernährungsbildungsprojekt der SRH Hochschule Heidelberg in aktuell 15 Kindergärten der Metropolregion Rhein-Neckar, lernen die Kinder Neues auszuprobieren und mit Spaß zu essen. Was ist das Geheimrezept dahinter? Ein Erfahrungsbericht.

Schrumpelig und fett wabert sie in meinem Milchreis – und, oh Graus, da hängt ein kleines Stöckchen dran! Mir unschuldig kleinem Ding ist damals die Abstammung der Rosine von der Traube noch nicht bekannt. Vielleicht ist es ein kleiner Schrumpfkopf? Angewidert, doch durchaus nicht ungeschickt, werfe ich die Rosine heimlich in den großen Topf zurück, der in der Mitte des Kindergarten-Tisches steht. Nicht heimlich genug. „So etwas gibt es bei uns nicht! Hier wird gegessen, was auf den Tisch kommt!“, keift mich die Erzieherin von der Seite an. Mit hochrotem Kopf und den Tränen nahe nehme ich die Rosine zurück und würge sie herunter. Das Kindheits-Trauma war geboren: Im zarten Alter von vier Jahren entschied ich, dass ich eher hungern würde, als diesen Milchreis noch einmal anzurühren. Es sollte meine letzte Rosine sein.

Welch eine Offenbarung daher dieser Elternabend im Kindergarten meiner Tochter zum Projekt „Abenteuer Essen“! Hier darf probiert werden, was die Kinder probieren wollen. Vor jeder Mahlzeit bekommen sie für jede angebotene Speise einen kleinen Probierlöffel, mit dem sie in die große Schüssel langen können, um zu testen, ob die Zucchini-Sauce oder der Krautsalat trotz des leicht gruseligen und unbekannten Aussehens nicht vielleicht doch ein bisschen schmeckt. Und wenn es ihnen nicht schmeckt, dürfen sie es in eine Serviette spucken.

Natürlich geht es bei diesem Elternabend auch um die ganze Theorie dahinter: Essen hat nicht nur eine physische Funktion, sondern auch eine emotionale und soziale. „Die Stimmung wird auch aufs Essen übertragen“, weiß Dr. Bettina Schulz, Diplom-Oecotrophologin und Mentorin im Projekt. Ein Erlebnis wie ein heftiger Streit am Esstisch könne sich beispielsweise auch auf das Essverhalten des ganzen Lebens auswirken. „Oder auch eine keifende Kindergärtnerin“, denke ich melancholisch. Die Ernährungspyramide zeigt, wie viel ein Kind am Tag von welcher Art von Nahrung idealerweise essen sollte. Die Ernährungsberaterin beruhigt dabei alle Eltern: „Natürlich darf es auch mal etwas Süßes sein. Süßes gibt auch ein Sicherheitsgefühl. Bleiben Sie bei den Essensvorlieben Ihrer Kinder geduldig.  Manchmal dauert es halt 15 Jahre, bis sie den Chicorée anrühren.“ So behalten alle Kinder, ob Süßschnäbel, die „Kein-Bock-auf-Grünzeug-Esser“ oder die Fleischliebhaber ihre Existenzberechtigung. Aber sie lernen im Projekt „Abenteuer Essen“, dass die Mahlzeiten Spaß machen und dass es sich durchaus lohnt, auch mal etwas Neues zu probieren. So werden ganz spielerisch sinnvolle Lebensmittel erkundet und der Geschmack vertraut gemacht.

Nach der Theorie geht es auf Abenteuer-Reise. Die Erzieherinnen haben ein Schüttelmemory vorbereitet, bei dem man die beinhalteten Getreidesorten erkennen soll. Die Erzieherin Annette Rosdy erklärt uns, dass Dinkel einfach reifer Grünkern ist – auch wir lernen nie aus. Kuh oder Ziege? So heißt es beim Geschmackstest von verschiedenen Milchgetränken. Hier bestehen wir Eltern mit Bravour, sodass sogar die Erzieherin Silke Stenten ein bisschen stolz ist auf uns. Bei einer anderen Reise lernen wir, dass das Auge eben mitisst (und uns täuschen kann) – die Farbe eines Joghurts bestimmt auch das erwartete Geschmackserlebnis.

Im Jakobuskindergarten in Heidelberg bekommen schon die Dreijährigen – natürlich unter Aufsicht – ein Messer in die Hand gedrückt und dürfen selbst mit schnippeln, wenn sie ihre Mahlzeiten zubereiten. Tunnelgriff oder Krallenhaltung, die Kleinen entwickeln sich schnell zu Profis. Auch die Messerhaltung ist Teil der Schulungen im Projekt Abenteuer Essen. Dann wird es später auch gerne gegessen! „Die Kinder sind hinterher ganz stolz“, berichtet Stefanie Riechert, die Erzieherin meiner Tochter.  „Wir sind selbst überrascht, dass dabei kein Chaos ausbricht, es läuft echt toll und macht auch uns Spaß!“ Für die ganz Kleinen ist es schon eine große Herausforderung, die Sauce selbst auf ihren Teller zu schöpfen. „Dann wird halt die Sauce auch mal als Suppe gegessen“, berichtet die Erzieherin achselzuckend. „Wir gehen mit der Gruppe auch mal auf den Markt, kaufen gemeinsam die Zutaten für einen Kuchen und lachen über die lustigen Namen für die verschiedenen Obstsorten“, erzählt ihre Kollegin Jessica Baumann an der Station Obst-Raten. Selbst machen – für Kinder ist das ganz wichtig. Dies ist das Geheimrezept von „Abenteuer Essen“.

„Abenteuer Essen gibt uns eine neue Perspektive“, sagt die Kindergarten-Leiterin Yvonne Henschel. „Es macht uns allen sehr viel Spaß, und die Kinder lernen tatsächlich fürs Leben.“ Und dass in diesem Projekt nach dem ganzheitlichen Prinzip auch Eltern eingebunden sind, sei ein toller Ansatz. „Mein Kind isst nur Nudeln. Am liebsten jeden Tag“, berichtet eine Mutter auf dem durchaus amüsanten und lehrreichen Elternabend. Nun hat sie einige Tipps an die Hand bekommen, wie sie damit umgehen kann. „Das ist ein ganz tolles Projekt. Super, dass Sie mit unseren Kindern mitmachen!“

Und meine vierjährige Tochter? Stolz kann ich berichten, dass Lotta eine Rosinenpickerin ist. Mir ist ein Rätsel, warum, aber sie liebt diese schrumpeligen fetten Schrumpfköpfe!

Abenteuer Essen

2014 initiiert von der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH, begleitet die SRH Hochschule Heidelberg das Projekt von Anfang an wissenschaftlich, seit 2019 auch als Projektträger. Projektkoordinatorin ist die Ernährungswissenschaftlerin Verena Räsener, Projektleiterin Prof. Dr. Annette Schneider, Professorin für den Bachelor-Studiengang Kindheitspädagogik. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse werden in Bachelor-Thesen evaluiert und fließen in die kindheitspädagogische Ausbildung an der Hochschule ein.

Ermöglicht wird das Projekt durch die Unterstützung folgender Sponsoren und Förderer: BASF SE, BKK Pfalz, DAK-Gesundheit, FUCHS PETROLUB SE, Heinrich-Vetter-Stiftung, IKKclassic, IKK Südwest und pronova BKK. Weitere Partner sind Rhein-Neckar-Kreis und Metropolregion Rhein-Neckar GmbH. Weitere Informationen: www.abenteueressen.de