Auf Einladung der Marmara Universität Istanbul reisten Prof. Dr. Claudia Ossola-Haring und Prof. Dr. Stephan Schöning als Keynote Speaker zum 23. Finanzsymposium der türkischen Finanzwirtschaftsplattform. In ihren vielbeachteten Reden beschäftigten sie sich mit der Unabhängigkeit der Bankenaufsicht und der Regulierung von Hochfrequenzhandel.

Das jährlich stattfindende Finanzwissenschaftsforum ist das Treffen der türkischen Bank- und Finanzwirtschaftsforscher. Es wird im Wechsel von den Universitäten des Landes ausgerichtet, in diesem Jahr von der englischsprachigen Abteilung für Betriebswirtschaftslehre der Fakultät Wirtschaft der Marmara Universität Istanbul. Das Treffen fand wie in der Türkei nicht unüblich in einer Hotelanlage an der türkischen Mittelmeerküste in Antalya statt. In vier parallelen Sessions stellten über 100 Forscher ihre aktuellen Forschungsvorhaben auf der dreitägigen Veranstaltung vor. Auf Einladung der Vorsitzenden des diesjährigen Symposiums, Prof. Dr. Jale Sözer Oran, reisten Prof. Dr. Claudia Ossola-Haring und Prof. Dr Stephan Schöning zu dem Symposium, um Keynotes zu sprechen.

In seiner Keynote zur Notwendigkeit und den Reformnotwendigkeiten einer unabhängigen Bankenaufsicht zeigte Prof. Dr. Stephan Schöning (Bild: Keynote unter dem Bild des Gründers der modernen Türkei, Kemal Atatürk) ausgehend von der aktuellen Diskussion zunächst die Geschichte der Unabhängigkeit der Bankenaufsicht auf. Diese ist eng verbunden, wenngleich zeitversetzt mit dem Aufkommen von unabhängigen Zentralbanken. Abgesehen von Deutschland, wo aus historischen Gründen (Hyperinflationen, 3. Reich, Besatzungszeit) die Unabhängigkeit der Deutschen Bundesbank bereits seit den 1950er Jahren verankert ist, kam die Idee einer unabhängigen Notenbank erst in den 1980er Jahren auf. Seitdem hat sie sich in den westlichen Industrieländern weitgehend durchgesetzt, ist aber aktuell nicht nur in der Eurozone verstärkt Gegenstand der Diskussion. Auch der Gedanke einer von der Politik unabhängigen Bankenaufsicht, der im Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, im Internationalen Währungsfonds und der Weltbank und auch im Single Supervisory Mechanism der Eurozone verankert ist, wird in letzter Zeit hinterfragt. Prof. Dr. Schöning stellte klar, dass speziell der unterschiedliche Zeithorizont von Politik und Aufsicht es sinnvoll erscheinen lassen, die Aufsicht einen – wenn auch begrenzten – Spielraum einzuräumen und nicht sämtliche Bereiche konkret durch Gesetze zu regeln: „Politiker denken typischerweise bis zur nächsten Wahl, Bankenaufseher sollten längerfristig agieren können.“

Dementsprechend lässt die Säule 2 des maßgeblichen internationalen Rahmenwerks der Bankenaufsicht („Basel II“) einen Freiraum, individuell auf die Gegebenheiten von Banken abstellende Anforderungen zu definieren: „Bankaufsichtliche Regeln passen nicht auf alle Banken gleichermaßen, es gibt schließlich große und kleine, regional und global tätige Banken.“ So notwendig Freiräume sind, sie sind an das Vorliegen mehrerer Grundvoraussetzungen gekoppelt. So muss das mit den Anforderungen verfolgte Ziel klar definiert sein, die Risiken müssen eindeutig gemessen werden und das zu tolerierende Risikoniveau im Bankenbereich muss festgelegt sein. Bei allen drei Aspekten gibt es aktuell Handlungsbedarf: So findet sich in den Anforderungen vielfach der Begriff „safe and sound“ bzw. „angemessen“. Was genau darunter zu verstehen ist, bleibt vielfach nebulös. Auch besteht unverändert erheblicher Forschungsbedarf, was genau Risiken im Bankenbereich sind und wie sich diese messen lassen. Nur eines ist hier klar: Wenn Banken keine Risiken eingehen dürfen, dann können sie nicht ihre volkswirtschaftliche Funktion erfüllen. Aber wie hoch soll das Risiko im Bankensystem eines Landes sein und wer soll darüber entscheiden? Prof. Dr. Schöning forderte in diesem Zusammenhang eine Rückbesinnung auf die zentrale Aufgabe von Banken: Sparern risikoarme Geldanlagen zu bieten und guten Kreditnehmern einen guten Kredit zu vergeben.

Im hinteren Teil des Vortrags warf Prof. Dr. Schöning einen Blick auf die politische Dimension einer unabhängigen Bankenaufsicht. Soll es zulässig sein, dass eine Institution in einer Demokratie außerhalb der direkten politischen Kontrolle durch den Wähler und die von ihm gewählten Vertreter steht? Gerade in Zeiten von Populisten und Nationalisten, die vorgeben, „den Willen des Volkes“ zu vertreten und Misstrauen gegenüber unabhängigen internationalen Expertengremien säen, eine sehr aktuelle Frage. Das Statement, dass sich Demokratie nicht allein durch Wählen und Auszählen von Stimmen auszeichnet, sondern auch durch Schutz der Rechte zum Beispiel von Minderheiten, Noch-Nicht-Wahlberechtigen oder sogar Noch-Nicht-Geborenen, ist seit Tocquevilles Buch „Tyrannei der Mehrheit“ bekannt. Gleichwohl gerät es in der aktuellen Diskussion etwa um die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank leicht in Vergessenheit. Bankenaufsicht ist aufgrund seiner Komplexität naturgemäß Expertensache und sicherlich ist es die beste unter schlechten Alternativen, in diesem Bereich unabhängigen Experten die Aufgabe zu übertragen, die das Beste für die Allianz der Sparer (im Vertrauen auf sichere Anlagen) und der Steuerzahler (im Vertrauen darauf, nicht für Bankenpleiten zu haften) tun. Dementsprechend kann das Fazit nur lauten, dass eine unabhängige Bankenaufsicht mit klar definierten Aufgaben und Leitplanken das anzustrebende Optimum ist.

An die Rede schloss sich eine intensive Diskussion an, in der Teilnehmer aufgrund der Korrumpierbarkeit unter anderem eine Verantwortung der Experten und eine richterliche Überprüfung des unabhängigen Gremiums forderten. Prof. Dr. Schöning sah diesbezüglich die Verantwortung von Bankaufsehern, bat diesbezüglich die Dauer von Gerichtsverfahren sowie das Erfordernis von Expertise der Gerichte zu bedenken, wodurch die Praktikabilität eingeschränkt sei.

In ihrem gemeinsamen Vortrag zum Erfordernis einer Regulierung des Hochfrequenzhandels an Börsen sowie möglicher Instrumente orientierten sich Prof. Dr. Ossola-Haring und Prof. Dr. Stephan Schöning an den Grundprinzipien eines regulatorischen Eingriffs in den Markt: 1. Besteht ein Regulierungserfordernis, also ein Missstand (Legitimität)? 2. Gibt es Instrumente, mit denen sich eine Missstand beheben lässt (Effektivität)? Und 3.: Stehen die durch die Regulierung entstehenden Kosten und Risiken in einem angemessenen Verhältnis zu dem Nutzen (Effizienz)?

Prof. Dr. Schöning beschäftigte sich zunächst mit der nur scheinbar einfach zu beantwortenden Frage nach dem möglichen Regulierungsobjekt, also der Eingrenzung des Begriffs „Hochfrequenzhandel“. Vielfach wird dieser Begriff als Unterform des algorithmengestützten Börsenhandels angesehen, was aber nicht zutrifft. Zwar basieren beide Formen auf Algorithmen, mit denen Computer preisrelevante Entwicklungen an Börsen erkennen. Beim Hochfrequenzhandel kommen aber zum einen die Dimension „Zeit“ und zum anderen die „Handelstaktik“ hinzu, sodass es sich um eine Weiterentwicklung des algorithmenbasierten Börsenhandels handelt, bei der neben dem Einsatz von Algorithmen auch das Ausnutzen von Zeitvorteilen und spezifischen Handelstaktiken bedeutsam sind. Alle drei Bestandteile zielen darauf ab, am Markt Gewinne zulasten technisch schlechter ausgestatteter Marktteilnehmer zu erzielen. Hierzu verwenden Hochfrequenzhändler Hochleistungscomputer, die in direkter Nachbarschaft der Börsen angesiedelt sind und mit diesen über überschnelle Datenleitungen verbunden. „Hochfrequenzhändler können bis zu 4.000 Transaktionen durchführen.“ Um kleinste Preisunterschiede an Börsen auszunutzen, werden Millionenbeträge in Datenübertragungstechniken investiert. Neben Glaserfaserkabeln kommen auch Mikrowellenübertragungen und sogar Laserübertragungen zum Einsatz und ermöglichen Übertragungen zum Beispiel von New York nach Chicago binnen Nanosekunden. „Der Wettlauf um Geschwindigkeit entscheidet, wer den gesamten Gewinn macht.“

Nach einer Definition ist zu prüfen, ob ein Regulierungserfordernis vorliegt. Hierzu ist zunächst zu unterscheiden, was für Formen des Hochfrequenzhandels vorliegen, denn längst nicht alle Formen sind schädlich für den Markt. Innerhalb der kaum durchschaubaren Vielfalt an Handelsformen lassen sich vier Hauptkategorien identifizieren: Als unschädlich und sogar nützlich gelten sowohl Arbitragestrategien, also das Ausnutzen von Preisdifferenzen zwischen verschiedenen Börsenplätzen, als auch das permanente Stellen von An- und Verkaufspreisen (Bid-Ask-Prices). Eine eher bedenkliche Strategie wird als Liquiditätssuche bezeichnet. Hier wird versucht, Informationen über den Markt zu beschaffen, etwa indem beim „Pinging“ das Orderbuch mithilfe von vielen kleinen Ordern erkundet wird. Oder beim sogenannten „Sniping“, wo fortlaufend Orders versendet werden, um Limite der anderen Marktteilnehmern zu erkennen und auszutesten. Die problematischste Strategie ist allerdings die Kursmanipulation mittels sog. „Quote-Stuffing“. Hierbei wird versucht, die Mitbewerber und den Markt zu täuschen, indem große Orders innerhalb von Sekundenbruchteilen gestellt und sofort wieder gelöscht werden. Diese Angebote sind also keinesfalls für einen Abschluss bestimmt, sondern sollen Mitbewerber, die über weniger Rechenleistung und langsamere Links verfügen, zu unvorteilhaften Transaktionen verleiten.

Prof. Dr. Ossola-Haring fasste die wesentlichen Kritikpunkte am Hochfrequenzhandel zusammen und leitete damit das Erfordernis einer Regulierung ab, gerade auch mit Blick auf FinTech-Unternehmen. Sie konzentrierte sich auf Künstliche Intelligenz, um Anomalien erkennen und präventiv darauf reagieren zu können. Blockchains ermöglichen es, genau und fälschungssicher den Verlauf des Handels nachzuvollziehen, um so festzustellen, wann wer wo Gewinne oder Verluste in welcher Höhe erzielt hat. Erkenntnisse, die auch für die jeweiligen Finanzverwaltungen von größter Bedeutung sind, da so die jeweiligen Gewinne besteuert werden können. Steuerpflichtige selbst können durch Blockchains der Nachweis der jeweils steuerrelevanten Verluste geführt werden.

Am Rande des Symposiums wurde intensiv mit Prof. Dr. Handan Sümer Göğus von der Marmara Universität sowie Prof. Dr. Helmut Pernsteiner von der Johannes-Kepler-Universität Linz am aktuellen tri-nationalen Buchprojekt „Digitalisierung der Betriebswirtschaft“ gearbeitet.

Prof. Dr. Stephan Schöning, Akademischer Leiter des Campus Calw der SRH Hochschule Heidelberg, ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Finanzen. Er ist seit 2007 regelmäßiger Gastprofessor an der Marmara Universität Istanbul.

Prof. Dr. Claudia Ossola-Haring, Stellvertretende Akademische Leiterin des Campus Calw der SRH Hochschule Heidelberg, ist Professorin für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Bilanzierung und Changemanagement. Sie nahm 2017 erstmals an einer Konferenz der Marmara Universität Istanbul teil.