In einem Forschungsprojekt untersuchte Dr. Liz Rietschel, die seit September 2017 als Psychologin und Psychotherapeutin an der Heidelberger Akademie für Psychotherapie der SRH arbeitet, die Cortisolkonzentration und deren genetische Bedingungen im Haar. Sie zeigte: Sowohl die Haarcortisolkonzentration als auch das persönliche Stressempfinden sind genetisch bedingt.

Herzklopfen, Schlaflosigkeit, Burn-Out – fast jeder kennt diese Probleme. Laut einer forsa-Umfrage im Jahr 2010 fühlen sich insgesamt 69 % der deutschen Bevölkerung ein wenig bis stark gestresst. Dieser Stress äußert sich häufig in Erkrankungen wie Depressionen oder Burn-Out. Und er ist nachweisbar: Das Stresshormon Cortisol ist eines der bekanntesten biologisch nachweisbaren Marker für Stress. Wenn wir gestresst sind, wird die Stressachse aktiviert und das Cortisol in unserem Speichel und Blut steigt an. Auch Patienten mit psychischen Erkrankungen zeigen im Verhältnis zu gesunden Kontrollgruppen häufig veränderte Cortisolkonzentrationen.

Während die Messung von Cortisol üblicherweise im Speichel oder Blut stattfindet – mit dem Nachteil von kurzfristigen Schwankungen bedingt durch Essen, Rauchen und hormonelle Unterschiede –  bietet die Messung von Cortisol in den Haaren die vielversprechende Möglichkeit einer stabilen langfristigen Cortisolmessung. Hierfür wird den Probanden eine Haarsträhne am Hinterkopf, direkt an der Kopfhaut  abgeschnitten. Da Haare im Schnitt circa ein cm pro Monat wachsen, geht man davon aus, dass jeder Zentimeter die Haarcortisolkonzentration eines Monats darstellt. Nimmt man beispielsweise drei Zentimeter vom Ansatz, stellt dies die Cortisolkonzetration der letzten drei Monate dar.

Einige Studien haben gezeigt, dass Personen, die über längeren Zeitraum erhöhten Stress ausgesetzt sind und auch Patienten mit psychischen Erkrankungen veränderte Haarcortisollonzentrationen im Verhältnis zu gesunden Kontrollgruppen aufweisen. Lange war jedoch unklar, inwieweit die Konzentration von Cortisol im Haar genetisch bedingt ist und inwieweit die Umgebung einen Einfluss auf diese hat.

In einer Studie von Dr. Liz Rietschel, die seit September 2017 als Psychologin und Psychotherapeutin an der Heidelberger Akademie für Psychotherapie der SRH arbeitet, konnte nun nachgewiesen werden, dass die Unterschiede in der Haarcortisolkonzentration zu einem hohen Anteil genetisch bedingt sind. Für ihre Cortisol-Forschung haben Rietschel und Kollegen die Haare von 671 gesunden Zwillingen und deren Geschwistern untersucht. Die Haarsträhnen, deren Länge einen Zeitraum von drei Monaten Wachstum umfasste, wurden an ein Labor geschickt, wo sie analysiert wurden.

„Die Ähnlichkeit der Haarcortisolkonzentration der monozygoten Zwillingen, (die 100% des Erbmaterials teilen) war höher als bei dyzigoten Zwillingen (die 50% des Erbmaterials teilen), was auf eine Erblichkeit hinweist“, berichtet Rietschel. „Jetzt könnte man denken, dass eine genetisch bedingte Veranlagung für hohes Haarcortisol mit einer genetisch bedingten Veranlagung für Stresserleben einhergeht. Das hieße, dass die Menschen, die genetisch höhere Cortisolwerte aufweisen,  auch genetisch bedingt ein höheres Stresserleben haben. Auch dies wurde in dieser Zwillingsstudie untersucht. Einen genetischen Zusammenhang zwischen der Haarcortisolkonzentration und wahrgenommenem Stress konnten wir nicht nachweisen“, so Rietschel weiter.

Das Ergebnis ist für die Wissenschaft ein großer Erfolg: „Wir freuen uns, dass wir zeigen konnten, dass die Erblichkeit so hoch ist, da dies zeigt, dass sich Cortisol recht stabil und reliabel in Haaren nachweisen lässt. Der fehlende Zusammenhang zwischen HCC und den psychologischen Markern kann daran liegen, dass es sich bei der Stichprobe um recht gesunde Jugendliche handelt“, erklärt sie. „Es könnte sein, dass die Ergebnisse in Gruppen, die extremeren Stress erleben, wie z.B. Flüchtlingskinder, Heimkinder oder Kinder mit psychischen Störungen anders ausfallen würden.“

Der Artikel „Hair Cortisol in Twins: Heritability and Genetic Overlap with Psychological Variables and Stress-System Genes“ von Dr. Liz Rietschel ist nun im Scientific reports – Nature erschienen: http://www.nature.com/articles/s41598-017-11852-3.