Ihr Praktikum wurde wegen der Corona-Krise abgesagt, nun bietet die Master-Studentin Daisy Weydert stattdessen psychosoziale Online-Beratungen für Studierende an. Wir-Online-Redakteurin Jana Ladwig berichtet, mit welchen Themen man sich an die Studentin wenden kann.

Kaum hatte die Master-Studentin Daisy Weydert in Luxembourg ihr dreimonatiges Praktikum angefangen, da war es auch schon wieder vorbei. Im März verordnete die Regierung die Ausgangssperre, Daisys Praktikum wurde wegen der Corona-Krise abgesagt. Die 26-jährige studiert momentan im letzten Semester „Psychosoziale Beratung und Gesundheitsförderung“ im Master an der SRH Hochschule Heidelberg. Ende Mai steht ihre Master-Arbeit an, das Praktikum ist für den Abschluss vorausgesetzt. Was sollte nun also aus dem Praktikum werden?

Im Rahmen des Programms „Students4Students“ hatte Daisy Anfang des Jahres bereits Einzelberatungen für Studierende angeboten (mehr zu dem Projekt unter https://wir-online.news/wenn-studierende-studierende-beraten/). Frau Prof. Dr. Andrea Goll-Kopka, die das Projekt geleitet hat, schlug Daisy deshalb vor, die Beratungen in Form eines Ersatz-Praktikums weiterzuführen.

Unter der Supervision ihrer Dozentin bietet die Studentin nun Online-Beratungen an. Für Ängste und Sorgen bezüglich COVID-19, aber auch darüber hinaus für alles, was einen bedrückt oder beschäftigt, wie sie in ihrem Angebot deutlich macht. Damit wendet sie sich vor allem an Studierende der SRH Hochschule Heidelberg, hat ihr Angebot aber auch auf Facebook etc. öffentlich gemacht, um noch mehr Menschen zu erreichen. So hat sie nun auch mehrere Klienten aus Luxembourg, mit denen sie über Videochat oder Mail Kontakt hält.

Doch wie sieht eine typische Beratung bei Daisy aus?
Ich biete Beratung über E-Mail, Videoanruf und Telefonat an. Im Erstgespräch schildern die Klienten mir häufig ihr Anliegen und geben mir Informationen über Ausschnitte aus ihrem Leben, die mit ihrem Anliegen zusammenhängen. In den nachfolgenden Gesprächen oder E-Mails konkretisieren wir den Auftrag und die Erwartungen, die sie an mich haben. Weiterhin werden Ziele für die Beratung zusammen ausgearbeitet und gesetzt, die wir dann mit unterschiedlichen von mir angebotenen Methoden verfolgen.

Die Beratungen sind für Daisy dabei ein großer Zeitaufwand. Besonders die Erstgespräche sind sehr intensiv. Im Moment hat Daisy drei Klienten. Sie erhofft sich, dass noch ein bis zwei Klienten dazukommen, viel mehr könnte sie aber nicht bewältigen, um sich ausreichend auf die Klienten konzentrieren zu können, erzählt sie. Auch die Form der Online-Beratung stellt für die Studentin eine Herausforderung dar. Ohne physischen Kontakt ist die Gefahr groß, dass Missverständnisse entstehen.

Was sind die Unterschiede zur persönlichen Beratung? Welche Vor- und Nachteile bergen die unterschiedlichen Beratungsformen?
Positiv an der Online-Beratung fällt Daisy auf, dass die Klienten sie von überall aus in Anspruch nehmen können, da sie dafür lediglich ein Handy oder einen PC benötigen. Auch die Termine können sehr flexibel festgelegt werden. Natürlich kann das aber auch einen Nachteil darstellen.

„Nicht alle Personen besitzen ein Handy oder einen PC, und es braucht eine gute Internetverbindung. Störungen in der Verbindung können dazu beitragen, dass sich die Gespräche negativ entwickeln, da es zu Missverständnissen kommt.“

Auch die E-Mail-Beratung birgt für die junge Sozialarbeiterin Chancen und Risiken.

„Die Personen wählen ihre Wörter und das, was sie an mich herantragen wollen bewusst und genau aus. In diesem Prozess findet häufig schon eine Selbstreflexion statt. Die Klienten setzen sich mit ihrem Anliegen auseinander.“

Trotzdem fällt es per E-Mail schwerer, eine Vertrauensbasis aufzubauen, und für Daisy ist es eine Herausforderung, die Gefühlswelt der Klienten ohne Mimik und Gestik zu greifen.

„…die E-Mail-Beratung [geht] für mich persönlich mit einem großen Vertrauen einher, weil ich auf das vertrauen muss, was sie mir schreiben. Wenn sie mir beispielsweise sagen, dass sie stabil sind, kann ich dies nicht überprüfen.“

Daisy nutzt die Chance aber, neue Beratungsformen auszuprobieren und sich deren Herausforderungen zu stellen.

Welche Erfahrungen hat sie in jüngster Vergangenheit gemacht?
„Die Beratung mit meinen bisher drei Klienten lief über E-Mail und Video. Sie hatten gleich ein großes Vertrauen zu mir, das hat mich gefreut! Sie haben sich mir, obwohl wir davor noch nie Kontakt hatten, direkt bei der ersten Beratung geöffnet. So hatte eine Studentin Probleme, ein Thema für ihre Bachelorthesis zu finden und stand sehr unter Druck. Wir haben dann gemeinsam nach ihren Interessen gesucht und versucht ein Thema einzugrenzen. Es hat sich herausgestellt, dass sie genau weiß über was sie schreiben will, sie sich das Thema aber nicht zugetraut hat, weil sie persönlich schon negative Erfahrungen in dem Bereich gemacht hat. Daraufhin haben wir über ihre Ängste und Befürchtungen gesprochen und ihre Ressourcen herausgearbeitet. Eine andere Klientin fühlte sich sehr alleine und isoliert. Wir haben herausgearbeitet, wie die Klientin wieder Anschluss an die Gesellschaft finden kann. Bei einem dritten Fall ging es um negative Erfahrungen, die die Klientin in ihrer alten Arbeitsstelle gemacht hat und die sie bis heute nicht loslassen. Sie überträgt die angstbesetzten Gefühle von damals auf ihre neue Arbeitsstelle und wollte lernen wie sie sich davon abgrenzen und damit umgehen kann. 

Ich hatte das Gefühl, dass sich alle drei wohl und verstanden gefühlt haben und wir eine gute Basis für die weitere Zusammenarbeit schaffen konnten. Das Einzige was etwas „komisch“ für mich war, ist jemanden während eines Videoanrufs weinen zu sehen und da hatte ich das Gefühl, dem machtlos gegenüberzustehen und nicht so auf die Emotionen eingehen zu können, wie ich das bis jetzt in Person machen konnte. Mir ist dabei aufgefallen, wie viel der Körper, die Gestik und Mimik bei der Beratung mitwirkt. Ohne etwas zu sagen, kann man mithilfe der Körpersprache extrem viel Empathie und Mitgefühl vermitteln, was sich über Videoanrufe, Telefonate und E-Mails viel schwieriger gestaltet.“

Doch was passiert mit der Beratung, wenn ihr Ersatz-Praktikum im Mai offiziell zu Ende ist? Die Vertrauensbasis, die sie zu ihren Klienten aufgebaut hat, einfach so abzubrechen, kommt für Daisy nicht in Frage.

Ist diese Beratung speziell für die Corona-Krise gedacht oder wird sie auch danach damit weitermachen?
„Ich werde die Beratung noch einige weitere Monate für die Studierenden anbieten. Dies wird auch weiterhin professionell durch Supervision begleitet. In diesem Sinne findet die Beratung aufgrund der Folgen der Corona-Krise,  nämlich der Absage meines Praktikums, statt und bietet den Klienten unter anderem die Möglichkeit sich über die persönlich erlebten Auswirkungen der Krise zu unterhalten und beraten zu werden.“

Die Online-Beratung wird sie also auch über das Praktikum hinausbegleiten.

Doch wie geht es der Studentin persönlich damit?
„Mir persönlich geht es soweit gut. Ich versuche diese Zeit für mich zu nutzen, indem ich mehr auf meinen Körper höre und mich Dingen widme, denen ich sonst nicht ausreichend Zeit geschenkt habe.“

Die Beratungen stellen für sie dabei eine Herausforderung dar, in der sie klare Grenzen setzen muss. Auch die Corona-Krise fordert natürlich darüber hinaus viele Einschränkungen.

Was hilft ihr in der aktuellen Situation?
„In der aktuellen Situation hilft mir der Austausch mit meiner Familie und meinen Freunden, im Garten lesen, Sport zuhause und räumen/putzen. Dabei habe ich das Gefühl, meine Gedanken ordnen zu können. Ich merke, dass ich dieses `Runterfahren` gebraucht habe. Es ist nicht schön dazu gezwungen werden zu müssen, aber es hat mich gelehrt, mehr auf meine körperliche und geistige Verfassung zu achten.“