Vier Studentinnen des Master-Studiengangs Soziale Arbeit reisten im Rahmen eines vom DAAD geförderten Hochschulprojekts nach Beirut, um das Thema „fremd und Fremdheit“ zu erforschen. 

Die Freude war groß, als wir erfuhren, dass wir vier, Targol Dalirazar, Sophia Wagner, Anna Holdschick und Anne Döring, im Rahmen eines DAAD-Projektes zusammen mit unserer Professorin Bettina Wuttig und dem Professor für audiovisuelle Kommunikation Prof. Gilbert Beronneau der design akademie berlin an dem Auslandsprojekt „This is (not) my story“ teilnehmen durften. „Beirut calling“, hieß es damit für uns 16 Teilnehmende der design akademie berlin und der SRH Hochschule Heidelberg. Unsere Aufgabenstellung: in einem Forschungsprojekt gemeinsam mit den bis dato unbekannten 16 Studierenden der Académie Libanaise des Beaux-Arts (ALBA) in Beirut das Thema „fremd und Fremdheit“ zu untersuchen.

Beirut calling: Die Master-Studentinnen der Sozialen Arbeit Sophia Wagner, Anne Döring, Anna Holdschick und Targol Dalirazar mit ihrer Professorin Bettina Wuttig (Mitte) in Beirut.

25. Juni 2017: Ankunft in Beirut
Mitten in der Nacht kommen wir an, das Thermometer zeigt 28 Grad Celsius und es ist sehr schwül. Als Erstes fallen uns die Nachkriegsarchitektur auf und der dichte Verkehr. Es wirkt, als ob im Eilverfahren alle Häuser im gleichen Stil wiederaufgebaut wurden, nachdem Beirut mehrmals nahezu komplett zerstört worden war. Ein achtstöckiges Hochhaus reiht sich an das andere, Grünflächen sind Mangelware.

26. Juni 2017: Ausflug nach Biblos
Um einen umfassenderen Eindruck von der Geschichte des Libanon zu bekommen, führt uns die erste gemeinsame Exkursion nach Biblos, in eine nördlich gelegene, charmante Hafenstadt. Besonders spannend war für uns zu erfahren, dass das phönizische Alphabet die Grundlage für unser gebräuchliches Alphabet bildet. Ebenso ist die Stadt namensgebend für die Bibel. Fremdheit? Irgendwo läuft in der Geschichte doch wieder alles zusammen, erkennen wir.

Mädchen im Flüchtlingscamp Alawada beim Spielen

27. Juni 2017: Fahrt nach Alawada
Sehr eindrucksvoll und emotionsgeladen ist der Ausflug in das Geflüchtetencamp in der Bekaa-Ebene nahe der syrischen Grenze – bewusst sprechen wir hier von „Geflüchteten“, um den Prozess der Flucht vor dem Krieg von der Identität des Menschen loszulösen. Hier tauschen wir uns mit den Familien, die dort untergebracht sind, aus. Ihre Offenherzigkeit sowie ihre Gastfreundschaft berühren uns immer noch sehr. Sowohl diesen Menschen als auch uns ist bewusst, dass viele Familien an diesem Ort kaum eine Zukunftsperspektive haben. So werden uns unsere Privilegien schmerzhaft deutlich. Durch gemeinsame Spiele wie z. B. Seilspringen und Gummitwist, die wir unserem eigenen Kindheitsreservoir entlehnten, entstehen Momente der Unbeschwertheit – wenn auch nur für den Augenblick. Im Libanon leben derzeit geschätzt 1,2 bis 2 Millionen Geflüchtete aus Syrien. Sie stellen nahezu die Hälfte der Bevölkerung des Libanon. Die meisten (ca. 82 %) sind – wenn auch in prekären Arbeits- und Wohnbedingungen – in das urbane Leben der Städte integriert. Die übrigen 18 % sind Menschen, die nichts auf dem Arbeitsmarkt anzubieten haben, meist Frauen und Kinder. Sie leben in den Lagern nahe der syrischen Grenze oder in informellen Camp Sites.

28. Juni 2017: Besuch einer Moschee
Die Vielfalt der Religionen spiegelt sich in der architektonischen Ausprägung diverser Bauten in Beirut wider. Dies führt uns Dr. Joseph Rustom, Dozent für Architektur der ALBA, vor Augen, der mit uns eine von ihm zur Moschee umgebaute Kirche besucht.

Nach all diesen Eindrücken und Erlebnissen fällt es uns zunächst nicht leicht, das Thema „fremd und Fremdheit“ zu erarbeiten, nehmen wir uns doch vor Ort nicht als „Fremde” wahr. Dies ist der großen Gastfreundschaft zu verdanken, aber auch unseren ähnlichen Forschungsinteressen und Neigungen. Insofern lassen sich unsere gesammelten Fremdheitserfahrungen nicht unbedingt auf die Herkunft eines Menschen zurückführen, sondern eher auf die Auseinandersetzung mit unserer je eigenen Biografie.

10. Juli 2017: Projektpräsentationen in Berlin
Zurück in Deutschland geht es nun in Berlin vor allem darum, die Eindrücke auf künstlerischer und geisteswissenschaftlicher Ebene darzustellen und umzusetzen, stets wissend, dass diese Erfahrungen einen individuellen Charakter besitzen und somit einzigartig sind. Ein Besuch im Studio Babelsberg vermittelt vor allem uns als Sozialpädagoginnen einen neuen künstlerischen Input für unsere Arbeit.

Mit „The Ballerinabox“ verdeutlicht die SRH-Studentin der Sozialen Arbeit, Targol Dalirazar, zusammen mit Studierenden aus Berlin und Beirut, wie sich Fremdheitserfahrungen transformieren lassen: Während die Spielfigur tanzt, ertönt arabische Musik.

Bei den Film- und Fotopräsentationen sowie den Installationen sind wir allesamt sehr überrascht, welche Ergebnisse sich in dieser doch recht kurzen, aber intensiven Projektzeit verwirklichen ließen. Dies wird in einer kleinen Ausstellung deutlich, mit der wir das Projekt in Berlin abschließen. Alle Teilnehmenden präsentieren hier ihre Forschungsergebnisse. Beispielsweise lässt Targol in ihrem Gemeinschaftsprojekt „The Ballerinabox“ mit vier weiteren Studierenden aus Berlin und Beirut die Ballerina einer „typisch westlichen“ Spieluhr zu arabischer Musik tanzen. Die Betrachterin des Kunstwerkes sieht sich dabei unweigerlich selbst im Spiegel an und ist dabei stets Teil des Konstruktionsprozesses von Wirklichkeit.

Am Ende ergeben letztlich viele kleine Erzählungen eine neue, „unsere Geschichte“ –„our story“.

Autorinnen: Targol Dalirazar, Sophia Wagner, Anna Holdschick und Anne Döring.