„Falschaussagen und Hetze im Netz werden nicht ausreichend sanktioniert“ – Interview von Wir-Online-Redakteurin Madeleine Ch. Krehahn mit unserem Kommunikationsexperten Prof. Dr. Thomas Bippes

In Zeiten der globalen Vernetzung und des ständigen kommunikativen Austausches nehmen insbesondere die sozialen Medien einen immer höheren Stellenwert ein. Die Netzwerke popularisieren und ziehen damit Konzerne, aber auch größere Gruppen zur Verbreitung ihrer ganz eigenen Wahrheiten an. Natürlich ist die Meinungsfreiheit einer der höchsten Güter, und wir alle können uns wohl glücklich schätzen, ohne großartige Probleme unsere Meinung kundtun und Regierung frei kritisieren zu dürfen.

Doch diese Rufe der Kritik an der Regierung sind vor allem in Zeiten der Corona-Pandemie laut geworden. Darunter vermischten sich teilweise auch viele Anhänger von Verschwörungstheorien, die über soziale Medien ihre Sicht verbreiteten.

Um die Rolle von Medien, sowohl digital als auch im Print in der Verbreitung von Verschwörungstheorien zu verstehen und die Verantwortung der Plattformen einordnen zu können, habe ich Prof. Dr. Thomas Bippes eingeladen. Er ist Professor für Medien- und Kommunikationsmanagement an der SRH Hochschule Heidelberg und stand mir für ein Interview gerne zur Verfügung.

Herr Prof. Dr. Bippes, aus Sichtweise Ihrer fachlichen Kompetenz, wie würden Sie die Rolle der sozialen Medien in Bezug auf die Entstehung und Verbreitung von Verschwörungstheorien und falschen Fakten einschätzen?

Soziale Medien bieten ihren Nutzern die Chance, jederzeit Meinungen zu platzieren und Themen zu kommentieren. Dies geschieht häufig spontan, unreflektiert und nicht sachlich. Wer sich in sozialen Medien vernetzt, tut dies meist mit Gleichgesinnten. So entsteht ein vermeintlich geschützter Raum, in dem falsche Fakten unsanktioniert wirken können und von Meinungskomplizen weitergetragen werden. Das ist ein Umfeld, in dem Verschwörungstheorien gut gedeihen können. Der Autor und Netzkritiker Eli Pariser hat diese Phänomene in den Theorien von der „Echo Chamber“ und der „Filter Bubble“ beschrieben. Danach versorgen sich Internetnutzer stets mit Informationen aus immer den gleichen oder ähnlichen Quellen, ohne alternative Sichtweisen zuzulassen. Diese Entwicklung wird noch verstärkt durch die Algorithmen der Suchmaschinen und sozialen Netzwerken, die gezielt Informationen anbieten, die von Interesse sein könnten. Pariser befürchtet, diese Entwicklung könne zur Aufspaltung der digitalen Gesellschaft in kleine, abgeschottete Interessengruppen führen. Wer sich zum Beispiel auf Facebook bewegt, kann dies exemplarisch erleben.

Sie sprechen von dem Begriff der „Filter Bubble“, wie kann man die Menschen, die in so einer Blase gefangen sind am besten erreichen; wie schaffen wir eine „Bewegung zu den Fakten“, insbesondere bei einem so elementaren und wichtigem Thema wie dem Impfen?

Einen Impfgegner zu überzeugen, dürfte kein leichtes Unterfangen sein. Die Impfskepsis hat vielfach einen quasireligiösen Charakter, was Gegenargumenten kaum Raum lässt. Es ist Aufgabe der politischen Entscheider, ihre Impfstrategien öffentlich nachvollziehbar und mit einer sensiblen, faktenorientierten Kommunikation zu erklären. Denn die Corona-Krise ist auch eine große Herausforderung für die politische Kommunikation. Zudem wäre es ein Ansatz, die Zivilgesellschaft zu stärken und Kompetenzen im Umgang mit radikalen Meinungen zu schulen. Hier liegt eine Bildungsaufgabe, die im Übrigen nicht nur für den Umgang mit Impfgegnern, sondern mit radikalen Äußerungen von rechts wie von links von enormer Bedeutung ist.

Welche Rolle spielen die klassischen Print-Medien heutzutage noch? Kann man sagen, dass sich die Verschwörungstheoretiker mittlerweile größtenteils auf die sozialen Netzwerke fokussieren und wenn ja, warum?

Die Print-Medien sind seit Jahren in der Krise und haben es vielfach versäumt, den Verlust des exklusiven Zugangs zu Lesern und Kunden durch die Entwicklung der sozialen Medien über durchdachte digitale Konzepte zu kompensieren. In Zukunft werden Print-Medien zu einem Luxusprodukt für Menschen, denen die Haptik einer gedruckten Zeitung es wert ist, einen hohen Abopreis zu zahlen. Es bleibt Aufgabe der Medien, ein Informations- und Meinungsangebot im Netz zu schaffen, das als Gegenpol zur Meinungshoheit in sozialen Medien wirken kann – gerade weil sich Verschwörungstheoretiker im Netz so gut verbreiten können. Dies gilt es, mit intelligenten Finanzierungsmodellen für seriösen Netzjournalismus zu kombinieren.

Wie können die Konzerne wie Instagram, Facebook und Co. dem Entstehen von falschen Informationen und Verschwörungstheorien entgegenwirken? Wo liegt unsere Verantwortung als normaler Nutzer der Netzwerke?

Nutzer sozialer Medien haben immer die Wahl, sich aus einem sozialen Netzwerk auszuklinken, das falsche Informationen verbreitet. Sie haben auch immer die Option, sich faktenorientiert dagegen zu wehren. Unterschwellig schwingt jedoch bei vielen die Angst mit, Opfer eines Shitstorms zu werden. Das hält sie davon ab, sich zu äußern. Es ist bisher vor allem Aufgabe der Internetkonzerne, Falschaussagen und Hetze zu sanktionieren. Das gelingt aber nicht in ausreichendem Maße. Meine Einschätzung ist, die Politik wird an einer besseren Kontrolle in gravierenden Bereichen nicht vorbeikommen. Welche Wirkung das „Laufenlassen“ haben kann, haben wir gerade in Amerika erlebt.

Hilft eine Zensur eines Accounts, der eine große Masse an falschen Fakten verbreitet, so wie dies jetzt der Fall bei Donald Trump war?

Ich bin sehr dafür, dass Lügen-Posts als problematische Meinung gekennzeichnet werden. So kann sich jeder ein Bild machen. Einen Account genau dann zu sperren, wenn der Lügner nach vier Jahren eine Wahl verloren hat, halte ich für sehr problematisch. Einmal mehr sind hier global agierende soziale Netzwerke ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden.