Hannes-Michael Steven Omohundro Bronczkowski studiert Tanz- und Bewegungstherapie an unserer Hochschule und ist freischaffender Tänzer und Choreograph unter anderem am Nationaltheater Mannheim. Im Interview definiert der 31-Jährige Vater eines dreijährigen Sohnes, was Vielfalt für ihn bedeutet: Wie durch ein Kaleidoskop blicken wir auf viele Facetten.

Michael, du bist Tänzer, Choreograph und Aushilfsfarmer auf dem Hof deines Patenonkels in Niedersachsen, Vater und Student, Deutscher und Amerikaner, Feuerwehrmann und Dozent, dein Name verrät deutsche, amerikanische, afrikanische und polnische Wurzeln – kaum einer bringt so viele Facetten mit. Wie würdest du denn Vielfalt definieren?

Vielfalt birgt für mich viele Facetten. Diese entspringen aus Interesse und Neugierde, Wachstum und Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Umwelt. So ist die Arbeit auf dem Hof für mich auch eine Erdung, ich kann abschalten und fühle mich verbunden mit der Natur. Vielfalt bedeutet auch eine Flexibilität in einem selbst, sie hat verschiedene Andockpunkte: Der Mensch ist nicht nur schwarz oder weiß, es gibt viele Facetten eines Menschen.

Du selbst führst ein sehr vielfältiges Leben. Kannst du das kurz beschreiben?

Ich bin vielfältig, weil ich viele Interessen habe. Ich habe mich immer von verschiedenen Lebensbereichen inspirieren lassen, ob als Vater, Ehemann, Tänzer, Choreograph oder kulturpolitisch. Aus verschiedenen Bereichen des Lebens können wir lernen und an ihnen wachsen. Meine Antennen sind immer ausgefahren, ich bin immer offen dafür zu entdecken, wo ich weiter wachsen kann. Vielfalt bedeutet für mich also auch ständiges Wachstum.

Tanzen ist mein Ausdruck von Vielfalt. Ich vermittle Eindrücke über sensorische Möglichkeiten. Den Körper sehe ich als Container: Man speichert Erlebnisse und erlebt sie im Tanz neu. So bringe ich Vielfalt zu Tage.

Wo fühlst du dich am meisten zu Hause?

Alle Länder, die ich bisher kennenlernen durfte, haben etwas. Aber in England bin ich verliebt: Ich mag die ehrlichen und offenen Menschen, das Hafenflair in Liverpool. Letztlich aber ist zu Hause dort, wo die Familie lebt.

Was bedeutet dir das Tanzen?

Ich tanze seitdem ich vier Jahre alt bin. Zu Hause gab es immer Musik, es ist ein sehr lebendiges, lautes und fröhliches Zuhause. Da passte das Tanzen einfach dazu, und meine Eltern haben mich in allem unterstützt. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, noch mehr: zur Berufung. Der Tanz ist für mich eine Kunst. Sie entspringt aus dem Bedürfnis, etwas Intrinsisches nach außen zu bringen.

Warum hast du dich für das Studium der Tanztherapie entschieden?

Ich sehe das Studium als Erweiterung. Es gehört alles zusammen! Tanzen hat so viel zu bieten, es steigert das Wohlbefinden und die Lebensqualität. Das möchte ich auch anderen vermitteln.

Welche Bedeutung hat deine Familie für dich?

Sie ist mein Dreh- und Angelpunkt. Familie, meine drei Geschwister und meine Eltern, sind die Menschen, die mich und meine Facetten am besten kennen, die für mich da sind, auch wenn sie weit weg sind. Meine Familie ist die Tankstelle für Urvertrauen, Liebe und Zuversicht. Was ich hier erfahren habe, will ich selbst auch in meiner Familie umsetzen und das Wurzelwerk weitergeben. Aktuell ist dieses Familienbild besonders gefordert: In der Pandemie teilen meine Frau, die Gewandmeisterin im Heidelberger Theater ist, und ich uns die Arbeit zu Hause gleichermaßen auf. Die Tage sind ellenlang und ich bin dankbar, dass uns meine Schwiegereltern vor Ort sehr unterstützen.

Wie ergeht es dir denn aktuell? Du hattest ja jetzt auch schon Online-Auftritte. Sind diese ein Ersatz?

Es ist eine interessante Erfahrung, aber längst kein Ersatz. Ich habe mich sonst auf der Tanzebene eher weniger mit dem digitalen Medium beschäftigt. Ich bin überzeugt, dass darstellende Künste digital nicht  im gleichen Maße abbildbar sind. Die kinästhetische Komponente, die Bewegungsempfindung ist abgeschwächt. Als Zuschauer ist man gebunden und hat eine gesteuerte Perspektive.

Wie kann jeder für sich Vielfalt leben?

Jede:r einzelne sollte für sich wichtige Dinge genau hinterfragen. Man sollte weniger unterdrücken und den eigenen Interessen nachgehen, neugierig bleiben und auch mal innehalten: Es gibt doch einiges, was ich selbst erfahren kann und wo ich gar nicht auf externe Impulse angewiesen bin. Das gilt es zu entdecken!

Zu guter Letzt, auf die Gefahr hin, das ganze Interview hinfällig zu machen: Nervt es dich, immer wieder darauf angesprochen zu werden, Vielfalt zu verkörpern?

Ich finde schon, dass Attribute uns eher schaden, als dass sie uns etwas nutzen. Der Drang nach Zugehörigkeit hemmt uns, auf die Flagge schreiben „Wer bin ich?“. Warum muss das sein? Aber dieser Mechanismus läuft automatisch, das nimmt man gar nicht richtig wahr und jede:r ist Teil davon. Das geht mir selbst genauso – also bin ich auch nicht genervt! Aber man sollte hin und wieder mal bei Seite treten, und wenn es nur für zwei Sekunden ist: Macht euch die Facetten des Lebens immer wieder bewusst! Jede:r hat sie. Ich wünsche mir mehr eigene Fürsorge, die in allgemeine Fürsorge mündet. Vernetzung, Globalisierung bis zum Maximum: Dann löst sich vieles von selbst.

Wer Michael gerne sehen möchte, hier oder hier gibt es bewegte Einblicke. Mehr über seine Person: https://www.michael-bronczkowski-mindful-mover.de/