Wie kritisiere ich meinen Chef? Eine heikle Frage, die Prof. Dr. Rudolf Irmscher, Geschäftsführer der Stadtwerke und Honorarprofessor an der SRH Hochschule Heidelberg aufwirft. In seiner nächsten Kolumne gibt er wieder wertvolle Tipps für die Berufsstarter.

In Ratgebern wird gerne das Bild eines aufgeschlossenen Vorgesetzten gezeichnet, der ehrliche Rückmeldungen befürwortet und selbst offen für kritisches Feedback ist. Ein schönes Bild. Doch in der Realität trifft die Vorstellung vom jederzeit kritikfähigen Chef eher selten zu.

Als Berufseinsteiger werden Sie recht schnell feststellen: Vorgesetzte stehen oft sehr unter Druck und wünschen sich dann vor allem loyale, sie unterstützende Mitarbeiter. Sie möchten sich in einer solchen Situation nur ungern kritisieren lassen. Wer es dennoch wagt, geht das Risiko ein, in Ungnade zu fallen und gefährdet am Ende womöglich seine Karriere.

Manchmal gibt es aber Situationen, in denen sich Kritik am Vorgesetzten nicht vermeiden lässt. Zum Beispiel, wenn sein Verhalten das Erreichen vereinbarter Ziele gefährdet. Wie können Sie dann reagieren?

Klar, im ersten Moment werden Sie Ihrem Ärger Luft machen, auch kräftig auf den Chef schimpfen. Sofern er davon nichts mitbekommt, darf das auch sein. Im zweiten Moment gilt es dann aber die Tatsache zu akzeptieren: Der Chef hat sich so verhalten. Es ist wie es ist. Die logische Frage, die sich anschließt, lautet: Wie weiter? Was kann ich jetzt tun?

Bewährt hat es sich, die denkbaren Optionen mit einem Kollegen, dem Sie vertrauen, durchzusprechen – etwa nach dem Muster: „Die beste Lösung wäre, dass der Chef die Kritik annimmt und sich ändert. Doch wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er das tut? Quasi null! Das führt nicht weiter. Was wäre die zweitbeste Lösung? Wie groß ist da die Wahrscheinlichkeit, dass es funktioniert? …“ So nähern Sie sich Schritt für Schritt der Realität Ihres Chefs an. Nehmen Sie sich dazu Zeit und überstürzen Sie nichts.

In der Regel gelingt es auf diese Weise, die in der konkreten Situation klügste Lösung zu finden. Das Ergebnis kann ein eher unkonventionelles Vorgehen sein, etwa das Einschalten einer Vertrauensperson, die sich mit dem Chef gut versteht und ihm das kritische Anliegen zu einem günstigen Zeitpunkt vorträgt. Möglicherweise verstehen Sie aber auch Ihren Chef nach diesem Prozess besser – und Ihre Kritik wandelt sich in Verstehen um. Wenn Sie sich dennoch dazu entschließen, selbst das Gespräch mit ihm zu suchen, bleiben Sie immer respektvoll und wertschätzend. Dabei hilft es, wenn Sie aus Ihrer Perspektive formulieren statt anschuldigende Sie- oder Du-Botschaften zu senden. Und vermitteln Sie Ihrem Chef auch, an welchen Stellen Sie seine Position nachvollziehen können oder wo Sie sein Vorgehen sogar explizit gut finden. Denn auch er freut sich über eine wertschätzende Haltung und Verständnis – eine gute Basis für ein weiterführendes Gespräch.

Sicher: Jeder Vorgesetzte ist anders. Bis zu welchem Punkt er Kritik verträgt oder sogar erwartet, hängt auch von seiner Beziehung zum betreffenden Mitarbeiter ab. Es liegt daher an Ihnen, zu entscheiden, wie offen Sie mit Ihrem Chef umgehen können und wollen – und welche Risiken Sie bereit sind, in Kauf zu nehmen. Grundsätzlich empfiehlt es sich aber, sich zunächst in die Rolle des Chefs einzudenken, bevor Sie öffentlich Kritik äußern. Gut möglich, dass Sie die Situation dann in einem anderen Licht sehen und Ihre Haltung ändern.