„JA! Einer mehr!“, schreit Bill Gates in seinem Anwesen am Lake Washington und ordert eine Warenlieferung von 1 Mio. neuen Mikrochips – dies glauben zumindest einige Impfskeptiker, die meinen, gewisse Personen hätten Corona erfunden, um noch reicher zu werden. Warum sind solche Verschwörungstheorien so weit verbreitet? Und wie kommen Impfskeptiker zu ihrer Haltung? Darüber hat Madeleine Ch. Krehahn mit unserem Psychologie-Professor Ralf Brinkmann gesprochen.

Impfstoff erweckt Kritiker

Mit der Produktion und Verteilung Corona-Impfstoffs sind auch die Stimmen der Impfgegner und -skeptiker wieder lauter geworden. In diesem Artikel soll es gar nicht darum gehen, diese Argumente zu überprüfen oder die Glaubwürdigkeit dieser Personen unter die Lupe zu nehmen. Vielmehr sollen die Erkenntnisse aus diesem Artikel dazu führen, diese Menschen besser zu verstehen und nicht vorschnell zu verurteilen. Klarstellen möchte ich dabei: Impfskeptiker sind nicht gleichzusetzen mit Impfgegnern, und Skeptiker oder Gegner sind nicht automatisch auch Anhänger von Verschwörungstheorien.

Dafür habe ich Herrn Prof. Dr. Ralf Brinkmann, Professor in der Fakultät für angewandte Psychologie an der SRH Heidelberg, u.a. für die Bereiche Gesundheits- und Sozialpsychologie,  zum Interview eingeladen.

Die Studie zum Thema Impfbereitschaft, auf der das Interview basiert und sich auch die letzten drei Fragen beziehen, war Teil der Cooperative Congressional Election Survey 2012 in den Vereinigten Staaten und wurde von Brendan Nyhan (Dartmouth College) und Jason Reifler (University of Exeter) durchgeführt. Kernerkenntnis der Studie war, dass die Aufklärung über die Gefahren der Grippe die Impfbereitschaft sogar reduziert. Desweiteren sind viele Fehlinformationen allgemein anerkannt, beispielsweise glaubten zu dem Zeitpunkt 43 Prozent der Amerikaner, die Grippeimpfung könne tatsächlich die Grippe selbst auslösen.

Wie diese Ergebnisse zu erklären sind und wie Impfskeptiker allgemein zu ihrer Meinung kommen, das habe ich Prof. Dr. Ralf Brinkmann gefragt.

 Skeptiker sind gespalten

Krehahn: Können Sie uns zunächst einmal erklären, was ein „Skeptiker“ eigentlich ist?

Brinkmann: Es sind Personen, die Bedenken und Zweifel hegen. Zu Zweifeln bedeutet aber immer, ein Gespaltensein, ein Unentschiedensein bzw. ein Schwanken im Denken. Konkret bedeutet dies auf Impfskeptiker bezogen ein Schwanken zwischen Pro- und Contra-Argumenten bezüglich des Impfens. Dies kann dazu führen, dass im Entscheidungsprozess ein Nicht-Impfen als die einfachere Lösung gesehen wird. Dagegen sind Impfgegner klar positioniert und lehnen eine Impfung aus unterschiedlichsten Gründen ab.

Unbewusste Einstellungen beeinflussen unser Urteilsvermögen

Um die Meinungen und Argumente von Impfskeptikern und -gegnern verstehen zu können, muss erst einmal geklärt werden, wie man sich eine Meinung bildet. Wie findet dieser Prozess statt? Welche Rolle spielen das soziale Umfeld und das Internet dabei?

Ausschlaggebend für beide Positionen sind weniger persönliche Meinungen, d. h. ein bloßes Fürwahrhalten eines Sachverhalts, jenseits von Wissen oder Glauben. Vielmehr sind es aus sozialpsychologischer Sicht die Einstellungen einer Person, die ausschlaggebend dafür sind. Einstellungen werden durch Erfahrungen, in der Erziehung vermittelte Werte, Vorlieben und Gefühle geprägt. Einstellungen beeinflussen unsere alltägliche Wahrnehmung von Objekten, Personen und Sachverhalten, indem wir diese positiv oder negativ bewerten. Dieser Bewertungsprozess muss jedoch nicht immer bewusst sein, sondern kann auch unbewusst ablaufen. So ist das Vorurteil z.B. gegenüber bestimmten sozialen Gruppen meist unbewusst, steuert aber unsere Wahrnehmung und unser Verhalten diesen Menschen gegenüber. Impfskeptiker oder -gegner verhalten sich aufgrund ihrer Einstellung zum Impfen bewusst.  Da Einstellungen aus drei Komponenten bestehen, einer affektiven, d.h. einer Gefühlskomponente, einer kognitiven, also einer Wissenskomponente sowie einer Verhaltenskomponente, dominiert in der Wahrnehmung Außenstehender meist eine davon. Bei der Wissenskomponente finden sich z.B. bei Impfgegnern natürlich allerlei krude Verschwörungstheorien, aber auch Erfahrungswissen, etwa um die negative Wirkung von Impfungen, wie sie auch von Pflegekräften geäußert werden. Wir alle kennen das Beispiel von Kollegen oder Bekannten, die zu Gegner der Grippeschutzimpfung geworden sind, weil sie nach einer solchen erst recht und heftig erkrankt sind. Hier finden sich im Entstehungsprozess einer Einstellung alle drei Komponenten, die Erfahrung, dass trotz Impfung die Krankheit ausbricht (kognitive Komponente), das Verhalten, nämlich künftig nicht mehr zu einer solchen Impfung zu gehen sowie die Gefühlskomponente, hier die Furcht, nochmals so eine Erkrankung durchmachen zu müssen.

Auch Persönlichkeitseigenschaften tragen zur Skepsis bei

Außer der affektiven, kognitiven und Verhaltenskomponente, was kann die Einstellung einer Person, insbesondere beim Impfen noch beeinflussen?

Darüber hinaus gibt es unzählige andere Quellen für die Entstehung einer negativen Einstellung zu Impfungen. Etwa die Sozialisation, Freunde und Bekannte, irreführende Informationen oder auch das Internet. Im Netz halten sich die Pro- und Contra-Argumente zu Impfungen in etwa die Waage, d.h. 43% negative zu 57 % positiver Informationen bezüglich des Impfens. Je nach Zustandekommen dominiert eine der drei Einstellungskomponenten und ist auch für Außenstehende erkennbar.

Nicht zuletzt sind auch Persönlichkeitseigenschaften wie eine besondere Ängstlichkeit, Entscheidungsschwäche, starke Beeinflussbarkeit und anderes mehr anzuführen. Impfskepsis oder -gegnerschaft haben somit sehr vielfältige Ursachen.

Naive Verschwörungstheorien schaffen Ordnung in einer komplizierten Welt

Warum gehen so viele Verschwörungstheorien von Impfgegnern auf eine höhere Macht zurück (Bill Gates/die Pharmaindustrie)? Haben wir Menschen ein Autoritätsproblem?

Verschwörungstheorien sind naive Erklärungen eines bedeutenden gesellschaftlichen Geschehens. Bill Gates und die Pharmaindustrie, so eine gängige Verschwörungstheorie, hätten diesen Virus erschaffen, damit sie in der Folge am Impfen verdienen. Solche Theorien in der Bedeutung des geheimen Handelns einzelner Personen oder Gruppen gibt es schon seit Menschengedenken. Es hat somit weniger mit einem Autoritätsproblem zu tun, als vielmehr darum, die Welt zu verstehen. Wir Menschen versuchen grundsätzlich Ereignissen in unserer Umwelt, Verhalten anderer oder eigenes Ursachen zuzuschreiben. Mit diesem Prozess der Ursachenzuschreibung, Kausalattribution genannt, versuchen wir Begebenheiten besser zu verstehen, vorherzusagen und zu beeinflussen. Damit schaffen Attributionen Ordnung, vermitteln das Gefühl der subjektiv erlebbaren Kontrolle und dienen der Vergewisserung des Selbst in sozialen Kontexten. Zwei grundsätzliche Formen der Kausalattribution sind unterscheidbar: Bei der internalen Kausalattribution schreibt eine Person die Gründe für ein Ereignis sich selbst zu. Externale Kausalattribution bedeutet, dass ein Individuum die Ursache für ein Ereignis durch andere Menschen, Einflüsse des Umfeldes oder andere Umstände begründet sieht. Menschen mit einer „Verschwörungsmentalität“ sind häufig Personen, die sich als Spielball des Schicksals sehen und sich selbstunwirksam empfinden, im Sinne von, „die da oben und wir hier unten“. Meist sind sie Behörden gegenüber misstrauisch, sind selbstunsicher, haben das Gefühl, keine Kontrolle über ihr Leben sowie diese komplexe Welt zu haben und neigen politisch eher radikalen rechten, aber oftmals auch extremen linken Positionen zu. Experimentelle Studien zeigen auch, dass Personen mit einer „Verschwörungsmentalität“ meist intuitiv und weniger rational und analytisch denken. Untersuchungen haben gezeigt, dass Anhänger von Verschwörungstheorien auch das Gefühl der Einzigartigkeit entwickeln, indem sie die „Wissenden“ sind, die verstehen, wie die Welt wirklich funktioniert und sich damit einem exklusiven Kreis zugehörig fühlen, was ihr Selbstwertgefühl erhöht. Nicht zuletzt gehören auch „Spinner“, wie Politiker oder Journalisten die Anhänger von Verschwörungstheorien oft nennen, dazu. Aus psychologischer Perspektive sind dies Menschen mit Persönlichkeits- oder Angststörungen. Momentan dient den psychisch kranken Anhängern von Verschwörungstheorien die Pandemie als Projektionsfläche und Instrument, um die genannten Effekte für sich zu erzielen.

Da die Bundesregierung keine Impfpflicht vorgesehen hat, geht es darum, dass der Einzelne den Nutzen einer Immunisierung erkennt. Eine Einschränkung der Entscheidungsfreiheit wäre es, wenn ich keine Alternative zum Impfen hätte. In diesem Falle würde es zu reaktanten Verhaltensweisen kommen, d.h., genau das von mir Verlangte nicht zu tun. Genau dies ist bei unserer Impfkampagne ja nicht der Fall.

Warum fühlen wir uns bei Impfungen, die von Experten abgesichert wurden in unserer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt, nehmen jedoch den Verkauf von sensiblen Daten von Apps ohne großen Widerwillen in Kauf?

Dass wir persönliche Daten im Netz teilen oder diese durch andere nutzen lassen, ist ein anderer psychologischer Mechanismus, der mit einer Impfskepsis oder -gegnerschaft eher weniger zu tun hat. Der Datenmitteilungsdrang vieler Zeitgenossen basiert eher auf Unkenntnis, da vielen nicht klar ist, was mit ihren Daten wirklich geschieht. Oder wegen des Wunsches, sich anderen über persönliche Daten mitzuteilen, etwa, wenn eine Tracking-App eine erbrachte Leistung bestätigt und dies mit anderen geteilt werden soll. Hiervon sollen alle Freunde erfahren und die Sehnsucht nach Anerkennung befriedigen. Schließlich spielt auch die Befürchtung mit, vom digitalen Datenstrom abgekoppelt zu werden, wenn keine persönlichen Daten zur Verfügung gestellt werden.

Fakten, die nicht in unser Meinungsbild passen, blenden wir gerne aus

Warum halten Impfgegner und -skeptiker, aber auch generell wir Menschen so sehr an unseren Meinungen fest, selbst wenn sie sich als Fehlinformationen herausstellen? Warum fällt es uns so schwer zuzugeben, dass wir falsch liegen?

Hier gibt die Sozialpsychologie mehrere Antworten. Zum einen unterliegen unsere Bewertungen von Informationen, Argumenten oder auch Personen sogenannten Wahrnehmungsverzerrungen oder kognitiven Verzerrungen. Dies bedeutet, dass beispielweise Berichte, die über Risiken einer Impfung informieren, stärker gewichtet werden als solche, die diese Gefahren nicht darstellen. Andererseits neigen Menschen dazu, wenn sie sehr dogmatische Einstellungen haben, also beispielsweise Impfgegner, positive Informationen und Argumente einfach auszublenden, weil sie nicht in ihr Denkschema passen und nur verunsichern würden.  Wir alle kennen dieses Phänomen, z.B. wenn wir eine Kaufentscheidung vor uns rechtfertigen wollen, indem wir Informationen über Konkurrenzprodukte nach dem Kauf bewusst meiden, um uns nicht zu ärgern, weil diese Produkte kostengünstiger oder qualitativ besser gewesen wären. Vielmehr suchen wir Informationen, die unseren Kauf rechtfertigen und so das Gefühl zu haben, alles richtig entschieden zu haben. In der Psychologie wird dieses Phänomen Dissonanzreduktion genannt, d.h. ein „Misston“, analog zur Musik, soll vermieden werden und unser Denksystem soll im „Gleichklang“, also konsonant sein. Dissonanzen können somit nur vermieden werden, indem wir Informationen meiden oder aber die Quelle von Argumenten entwerten oder für unglaubwürdig erklären. Denken Sie nur an das Schlagwort der „Lügenpresse“. Würden wir keine Dissonanzreduktion betreiben, auf welche Art auch immer, müssten wir unser Denk- und Einstellungssystem infrage stellen, was nicht der Aufrechterhaltung unseres Selbstwertsystems dient und Ängste sowie Befürchtungen schürt und „Gewissheit“ nimmt.

Natürlich sind Einstellungen im Leben auch sehr hilfreich. So helfen sie uns mit der Informationsflut in unserer Gesellschaft effizient umzugehen. Wer also eine negative Einstellung zum Impfen hat, setzt sich erst gar nicht mit Informationen für das Impfen auseinander. Dies bestätigt wiederum seine Haltung, was als Bestätigungsfehler bezeichnet wird, da nur einstellungskonforme Informationen ausgewählt werden bzw. konträre vermieden werden.

Einstellungen haben aber auch noch andere Funktionen, etwa die zu dokumentieren, anders zu sein, klüger oder besser, da man ja gegen den Strom schwimmt oder wie es auch von Coronaleugnern betitelt wird, „querdenkt“. Man ist dadurch in einem exklusiven Kreis, was wiederholt das Selbstwertgefühl erhöht.

Korrekturen verstärken vorhandene Unsicherheiten oder drohen unser Selbstbild zu erschüttern

Wie erklären Sie sich das Phänomen der oben genannten Studie, dass korrigierte Fehlinformationen zu einer Senkung der Bereitschaft zum Impfen bei sehr skeptisch eingeschränkten Menschen führt?

Wie bereits deutlich wurde, sind speziell Impfskeptiker Zweifler, die verunsichert sind, für sich zu klären, was richtig und was falsch ist. Eine Interpretation wäre hier, dass die Korrektur von Fehlinformationen dazu führt, dass genau dieses Gefühl des Zweifelns – „Die einen sagen so, die anderen so“ – die Unsicherheit der Betroffenen verstärkt.  Sodann wird der Schluss gezogen: „Da ist noch viel unklar, wenn ich mich nicht impfen lasse, bin ich auf der richtigen Seite“.

Eine weitere Erklärung bietet die Entscheidungstheorie, die besagt, dass Menschen mit einem niedrigen oder hohen Selbstwertgefühl besonders resistent gegenüber Beeinflussungsversuchen sind. Dieser Widerstand dient der Aufrechterhaltung des Selbstbildes, egal ob das Selbstwertgefühl nun positiv oder negativ ist. Die Studie sagt nicht darüber aus, wie die Stichprobe zusammengesetzt ist und welche Personen, mit welchen Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen, teilgenommen haben. Schließlich ist zu fragen, wie die Kommunikation der Fehlinformation vonstatten ging. In der Sozialpsychologie existieren verschiedene Kommunikationsmodelle, die erklären, wie Argumente und Informationen sinnvoll vermittelt werden sollten, damit die Adressaten der Kommunikation ihre Einstellungen ändern. Wie dies in dieser Untersuchung geschehen ist, ist unklar.

Wir vermeiden gerne negative Emotionen und damit die Aufklärung über Gefahren

Wie erklären Sie sich das in der Studie aufgedeckte Phänomen, dass Informationen über die Gefahren der Grippe keinerlei Auswirkungen über die Impfbereitschaft hat? Wäre es nicht logischer, dass durch das Herausstellen der Gefahren bei einer Nicht-Impfung die Menschen eher dazu bereit wären sich impfen zu lassen?

Die Kommunikation von Risiken aufgrund bestimmter Verhaltensweisen eine spezielle Krankheit zu entwickeln, etwa das Rauchen, eine unausgewogene Ernährung oder mangelnde Bewegung, sollen Einstellungen oder konkretes Verhalten ändern. Die Gesundheitspsychologie spricht hier von „Furchtappellen“. Das Health Belief Model aus der Gesundheitspsychologie gehört zu den Furchtappel-Theorien. Wie alle Furchtappell-Theorie geht sie davon aus, dass Menschen mit ihren gesundheitlichen Risiken konfrontiert werden müssen, um zu individuellen Änderungen im Gesundheitsverhalten zu kommen. Dazu werden in der Regel besonders drastische Bilder, Informationen zu den Erkrankungen oder betroffenen Personen verwandt. Hier soll insbesondere die affektive Komponente der Einstellung angesprochen werden, indem Furcht erzeugt wird, um so eine Änderung herbeizuführen. Die bekanntesten Beispiele sind die Bilder und Texte auf Zigarettenpackungen. Mit teils eindrücklichen Darstellungen wird auf die gesundheitlichen Konsequenzen des Rauchens verwiesen. Viele Raucher greifen allerdings zu Hüllen, die im Handel angeboten werden, um diese Fotos oder Texte abzudecken, damit Hinweise keine Furcht und Dissonanz erzeugen. Informationen über Risiken sind hilfreich, aber nicht ausreichend und teilweise sind sie sogar kontraproduktiv, da sie negative Emotionen evozieren, die Menschen gerne vermeiden. Darüber hinaus hängt die Risikoinformation auch stark von der konkreten Bedrohung, der Art und Weise der Botschaft, situativen Faktoren sowie der Persönlichkeit der Adressaten ab. Mit Blick auf die zitierte Studie kann es sein, dass alle drei Faktoren in der Experimentalsituation so ausgestaltet waren, dass hier keine großes Bedrohungspotenzial gesehen wurde.

Mit Fakten und Emotionen Impfgegner überzeugen

In der Studie wird herausgestellt, dass es bei vornerein sehr kritisch eingestellten Menschen beim Thema Impfungen eher konterproduktiv ist, diese mit korrigierten Informationen zu überzeugen. Was denken Sie wäre dahingegen eine geeignete Strategie, um diese Menschen zu überzeugen und Mythen zu beseitigen?

In der Sozialpsychologie gibt es ein Prozessmodell der Informationsverarbeitung, das sogenannte Elaboration Likelihood Model. Es geht von zwei Wegen der Veränderung von Einstellungen aus, um den Kommunikationspartner von einer anderen Einstellung zu überzeugen. Dies wird persuasive Kommunikation genannt und geht über einen zentralen und einen peripheren Weg der Informationsverarbeitung. Möchten wir Menschen überzeugen, die bereit und kognitiv fähig sind, sich mit neuen Informationen auseinanderzusetzen, kann der zentrale Weg der Informationsverarbeitung gewählt werden. Hier sind Argumente, Zahlen und Statistiken wichtig, sodass sich die Einstellung durch die intensive Auseinandersetzung mit den Informationen verändern kann.

Eine Einstellungsänderung funktioniert aber auch bei Personen, die weder motiviert noch fähig sind, sich mit Informationen verstärkt zu befassen, indem der periphere Weg gewählt wird. Hierbei helfen Modelle von Menschen, die bereits geimpft wurden oder bereit dazu und dem Adressaten der Kommunikation ähnlich sind. Hierdurch soll emotionale Betroffenheit erzeugt werden. Aber auch Argumente von Personen mit einem sozial hohen Ansehen, z.B. bekannte Fußballer, können über die Peripherie, also über den Umweg der eher absichtslosen kognitiven Beschäftigung mit diesen Informationen, ihre Wirkung zeigen.

Eine Einstellungsänderung über den zentralen Weg ist wesentlich stabiler als beim peripheren und bei Impfskeptikern sicher eher zu erreichen als bei Impfgegnern. Menschen mit Verschwörungsmentalität werden vermutlich gar nicht beeinflussbar sein.

 

Ausblick

Natürlich muss man an dieser Stelle sagen, dass die Impfung gegen Covid19 noch einmal eine Sonderstellung in der Impfdebatte einnimmt. Auf den Wissenschaftlern liegt ein enormer politischer Druck, den Impfstoff zu entwickeln, prüfen zu lassen und zu verbreiten. Doch eine Sache darf man dabei nicht vergessen: In Deutschland gibt es strenge Regelungen der ständigen Impfkommission, an dessen Ende eine sorgfältige Überprüfung steht.

Beim Corona-Impfstoff setzt die Regierung auf Freiwilligkeit. Deshalb sollten wir nicht zulassen, dass unsinnige Verschwörungstheorien lebensrettende Maßnahmen verhindern. Für eine Herdenimmunität sollten sich 60%-80% der Menschen impfen lassen. Doch wir leben immer noch in einer Demokratie, manche Argumente der Impfskeptiker sind durchaus berechtigt und sollten nicht einfach verurteilt werden. Am Ende muss jeder für sich selbst das tun, was auch die EMA bei der Zulassung eines Impfstoffes tut: eine sorgfältige Risiko-Nutzen-Abwägung.

Doch zumindest haben die Erläuterungen Prof. Dr. Ralf Brinkmanns gezeigt, dass Impfskeptiker nicht einfach als „Spinner“ abgetan werden sollten. Sie sind einfach Menschen, die aufgrund ihrer Persönlichkeitsmerkmale und Erfahrungen zu einer anderen Schlussfolgerung bezüglich des Risikos einer Impfung gekommen sind als man selbst – Ein bisschen Verständnis füreinander ist der erste Schritt, um gemeinsam die Pandemie zu meistern.

20. Januar 2021 Madeleine Krehahn Wir-Online-Redakteurin und Psychologie-Studentin