Andreas Huber hat sein Bachelor-Studium der Virtuellen Realitäten erfolgreich abgeschlossen. Das klingt zunächst selbstverständlich, doch Andreas hat Spinale Muskelatrophie, ist schwerbehindert. Auf Wir-Online erzählt er, welche Hürden er überwunden und welche Unterstützung er dabei erfahren hat.

„Ich musste immer beweisen, was ich kann. Alle haben zuerst gesehen, was ich nicht kann“, berichtet Andreas. Sein Weg ist nicht einfach, doch sein Lebensrezept hilft ihm: ein starker Lebenswille, innere Stärke, Durchhaltevermögen sowie Träume und Ziele, die er in seinem Leben noch erreichen möchte. Der 25-Jährige hat eine Spinale Muskelatrophie Typ 1, eine Erbkrankheit, die seine Nervenzellen absterben lässt. Die durchschnittliche Lebenserwartung mit dieser Erkrankung liegt bei drei bis vier Jahren. „Diesen Grenzwert werde ich noch weiter überschreiten“, ist er sich gewiss und lächelt. Er hat nie laufen gelernt – doch sein Geist, der war immer auf Zack! Nach einem inklusiven Kindergarten besuchte er eine Förderschule in Aschaffenburg. „Mein Geist war gelangweilt. Hier ging man viel auf die Einschränkungen ein und weniger auf die Bildung“, erklärt Andreas. Seine Eltern haben ihn immer sehr unterstützt, und er blieb hartnäckig. So kam er schließlich in das Internat der Stephen-Hawking-Schule in Neckargemünd. Von hier aus war der Weg zur SRH Hochschule Heidelberg nicht mehr weit: 2017 begann er sein Studium der Virtuellen Realitäten mit dem Schwerpunkt Game Development. „Ich wollte schon als Kind immer wissen, was hinten dran abläuft“, beschreibt der junge Mann seine Motivation. „Virtuelle Spiele sind meine Welt, in die ich eintauchen kann, die ich digital erleben kann. Diese Welt ist mein Ausgleich.“

Kraft und Lebenswillen schöpft Andreas auch aus schönen Ereignissen wie einem Konzertbesuch oder einem Ausflug. „Ich nenne diese immer `magische Momente´.“ Darüber hinaus sei es die Akzeptanz des eigenen Körpers, das Vertrauen in seine Fähigkeiten sowie in seine Möglichkeiten, die ihn antreiben. Er betont dabei: „Ohne meine Familie und ohne meine Mutter und meinen Bruder hätte ich meinen Weg nicht so gehen können.“

Gemeinsame Lösungswege erarbeitet

„Mit meinem Leben habe ich mich arrangiert, ich kann damit umgehen.“ Andreas erhält regelmäßig Physiotherapie und Logopädie und ist alleine dadurch mehrere Stunden pro Woche beschäftigt. Er kann sich in seinem E-Rolli fortbewegen und von seiner Wohnung auf den Campus in die Hochschule kommen. In den Lehrveranstaltungen liegt er auf einem höhenverstellbaren Tisch, den die Fakultät für ihn bereitgestellt hat.

Natürlich braucht er dabei einen Nachteilsausgleich: Er hat einen Assistenten, der für ihn mitschreibt. Vieles muss er sich ansonsten auch einfach merken – „das trainiert aber!“ In den Klausuren hat er länger Zeit oder kann mal eine mündliche anstelle einer schriftlichen Prüfung absolvieren. Das Studienmodell CORE mit den unterschiedlichen Prüfungsformen und der Flexibilität kommt ihm dabei entgegen: Auch Konzepte oder Gruppenarbeiten sind mögliche Prüfungen. „Mit den Dozenten haben wir immer gute gemeinsame Lösungen erarbeitet“, erzählt er. „Nur weil Sie nicht laufen können, heißt es noch lang nicht, dass Sie nichts leisten können!“, spornte ihn beispielsweise sein Dozent Wolfgang Walk an. Sein Studiengangsleiter und Betreuer seiner Bachelorarbeit, Prof. Daniel Görlich, findet nur lobende Worte: „Andreas Huber ist eine Inspiration und ein Vorbild für unsere Studierenden und Mitarbeiter gleichermaßen. Obwohl er es im Studium, im Alltag und generell im Leben viel schwerer hat als die meisten von uns, hat er sein Studium vorbildlich gemeistert, besser als so mancher gesunde Studierende. Andreas hat das Feuer, den Elan, den Mut und die Disziplin, seine selbstgesteckten Ziele zu erreichen. Fleißig und gut vorbereitet hat er jede Prüfung und jede Projektarbeit pünktlich und überzeugend abgeliefert. Er hat uns allen gezeigt, was möglich ist, wenn man nur will!“

Soziale Hürden

Gut strukturieren und organisieren, dokumentieren, argumentieren, konzipieren, kreativ sein – Andreas hat viele Kompetenzen, die er an der SRH Hochschule Heidelberg weiterentwickelt hat. „Ich habe den Weitblick“, fasst er seine Fähigkeiten zusammen. Und doch hatte er viele Hürden zu überwinden.

„Die Inhalte des Studiums waren gar nicht das Anstrengendste“, blickt der Absolvent zurück: „Eher das Soziale dahinter war belastend. Von einigen Studierenden wurde ich eher als Ballast gesehen. Da war kein Interesse, nicht mal Mitleid, eher Neid, dass ich einen Nachteilsausgleich erhalten habe.“ So hätte er sich mehr Offenheit und Kommunikation statt Ignoranz gewünscht. „Der Vorwurf, ich würde meine Prüfungen geschenkt kriegen, kam immer wieder. Aber geschenkt hat mir bestimmt niemand etwas.“ Prof. Görlich bestätigt, dass Andreas sich seine Erfolge ebenso erarbeiten musste wie all seine Kommilitonen. Glücklicherweise waren jedoch auch Studierende dabei, die erkannten: „Andreas ist doch innerlich nicht anders als wir. Er ist nur in der Bewegung eingeschränkt!“

Digitale Graduierungsfeier

Natürlich war in diesem Corona-Jahr alles anders, auch die Graduierungsfeier. Dennoch fand sie am 6. November für die Fakultät Information, Medien und Design statt, und Andreas war mitten drin: „Ich fand die digitale Veranstaltung sehr feierlich. Die Hochschule hat wieder gezeigt, dass außergewöhnliche Zeiten oder Situationen besondere und entsprechende Lösungen erfordern. Ich fand die Umsetzung einfach nur super und einen ehrenvollen Rahmen für uns Absolventen – nicht zuletzt auch durch die Idee mit dem Präsentpaket für das virtuelle Feiern und Anstoßen!“ Ein Vorteil des digitalen Ereignisses war auch, dass viel mehr Menschen teilnehmen konnten als bei Präsenzveranstaltungen. „Schließlich erleichtern Wegbegleiter, ganz gleich, ob man eine Einschränkung hat oder nicht, das Voranschreiten auf dem eigenen Lebensweg, das Meistern von Hürden und schlussendlich das Erreichen seiner Ziele“, erklärt Andreas dazu. „Meine Wegbegleiter waren meine Familie und meine Pflegeassistenten. Jeder hat, so denke ich, während seines Studiums solche Wegbegleiter, die den Weg erleichtert haben. All diesen Wegbegleitern gebührt auch ein Dank und eine ehrenvolle Feierlichkeit. Durch diesen Rahmen wurde eine perfekte Möglichkeit hierfür geschaffen!“

Spiele für Menschen mit Einschränkungen

Nach seinem erfolgreichen Studienabschluss – und das trotz Hürden innerhalb der Regelstudienzeit – sucht Andreas nun einen Job in der Games-Branche, in einem „Studio, das den Mut hat, sich zu öffnen für Spiele für Menschen mit und ohne Einschränkungen“. Denn solche Spiele zu entwickeln, ist seine Passion. Er weiß genau, worauf es dabei ankommt, und bisher gibt es für Menschen mit Einschränkungen nur wenige angepasste Spiele – eine Marktlücke. Und die Zielgruppe ist groß: „Eigentlich hat jeder Mensch eine Einschränkung“, meint Andreas. „Ob man Brillenträger ist oder eine Nahrungsmittelunverträglichkeit hat – nur die Ausprägungen und die gesellschaftliche Akzeptanz dieser Einschränkungen unterscheiden sich.“