Wir-Online-Redakteurin Sophie Schmitt hat Nicole Rath porträtiert, 27 Jahre alt, Studentin des Sozialrechts (Master of Laws) an der SRH Hochschule Heidelberg. Von Januar bis April 2019 war sie für ein Auslandssemester an der Linköping University in Schweden. Dort hat sie viel über sich gelernt und hat gemerkt, dass ihr Rollstuhl kein Hindernis mehr darstellt.

Eigentlich wollte Nicole gar nicht ins Ausland. Sie dachte, es würde schwierig werden, einen passenden Platz für sie zu finden. Entweder wegen ihrer nicht so guten Englischkenntnisse oder ihrer körperlichen Einschränkung. Nicole hat nämlich eine Tetra Zentralparese. Das heißt, sie hat eine Halblähmung der Gliedmaßen und kann sich nur mithilfe ihres E-Rollstuhls fortbewegen. Nach einem ausgiebigen Gespräch mit ihrem Studiengangsleiter Herrn Prof. Baumeister war sie entschlossen den Schritt zu wagen und ins kalte Wasser zu springen.

Eine große Hilfe waren die Hochschule und ihre Eltern, die sie bei der Organisation des Auslandssemesters unterstützt haben. So wurde Nicole Rath auch durch Iris Ulbrich unterstützt, zuständig für Erasmus und Stipendienkoordinatorin der SRH Hochschule Heidelberg: „ Als ich Nicole Rath zum ersten Mal persönlich getroffen habe, um den Antrag auf Sonderförderung durch den DAAD zu besprechen, war mir gleich klar: Da sitzt eine ganz schön willensstarke junge Frau vor mir, die wird diesen Auslandsaufenthalt in Schweden trotz aller Schwierigkeiten meistern. Ich finde das bewundernswert – ich habe schon so manche nicht-behinderte Studenten erlebt, die sich viel schwerer taten.“

Einige Kriterien mussten die Universitäten erfüllen. Beispielweise keine langen Anfahrtswege und eine Wohnung in der Nähe. Zudem musste für den Zeitraum eine Assistenz organisiert werden, die Nicole im Alltag hilft. Nach langem Abwägen fiel die Wahl auf Schweden. Das Beste daran: Der Auslandsaufenthalt wurde durch eine Erasmus-Sonderförderung von über 8.000 Euro ermöglicht, den Nicole Rath gemeinsam mit dem International Office der SRH Hochschule beim DAAD beantragt hat.

Barrierefreiheit soll zu einer Selbstverständlichkeit werden – dies ist das Ziel Schwedens. Seit Jahren arbeitet das Land daran, neben den touristischen Sehenswürdigkeiten auch die Unterkünfte des Landes möglichst behindertengerecht zu gestalten. Auch Nicole konnte am eigenen Leib erfahren, wie barrierefreie Lösungen ihren Alltag erleichterten.

„Ich konnte dort alles mit meinem E-Rolli machen. Beispielsweise gibt es überall elektrische Türknöpfe und in jedem Reisebus gibt es Rampen zum Ausfahren. Sogar in alten Zügen gibt es manuelle Rampen. In Geschäften mit Treppen hängen Schilder, mit der Aufforderung anzurufen, wenn man eine Rampe braucht. Ich war beeindruckt, wie offen die Menschen dort sind. Man kann einfach man selbst sein und wird nicht schief angeguckt“.

Auch bei Eis und Schnee: Die Schweden waren stets sehr hilfsbereit und haben Nicole Rath immer geholfen.

Trotz kleiner Sprachschwierigkeiten hat sich Nicole schnell eingelebt. An der Universität hat sie Politik-Kurse belegt, da ihr Studienfach nicht angeboten wurde. Dabei ging es hauptsächlich um die Europäische Union und ihre Struktur. Einen typischen Uni-Tag gab es für sie nicht. Oft hatte sie nur drei Stunden Vorlesung in der Woche und traf sich mit Kommilitonen, um ein Thema zu bearbeiten. Ihre Freizeit verbrachte sie damit das Land zu erkunden. So reiste sie in verschiedene Städte wie Stockholm, Söderköping und Göteborg.

Typisch für Schweden ist „Fika“. Das bedeutet, unter Freunden in gesellschaftlicher Atmosphäre zusammenzusitzen und Kaffee zu trinken. Dabei dürfen natürlich Kuchen und Plundergebäck nicht fehlen. Nicole hat selbstredend die schwedische Tradition bewahrt.

Ein besonderes Erlebnis hat sie deshalb erfahren dürfen: Gemeinsam mit ihrer besten Freundin wollte sie in ein kleines Café gehen. Aber es befanden sich Stufen davor. Sie dachte sich, dass das eh nichts wird und die beiden sich anderweitig umschauen müssten. Als die Kellnerin jedoch Nicole sah mit ihrem Rollstuhl, trommelte sie alle im Restaurant zusammen, um Platz zu machen. Mit einer Seelenruhe holte die Bedienung eine manuelle Rampe und legte sie aus. Dann drehte sie sich zu Nicole um und sagte mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht „Välkommen“.

„Diesen Moment werde ich nie vergessen. Ich kann allen anderen nur empfehlen sich zu trauen und ein Auslandssemester zu machen. Auch wenn man eine Einschränkung hat. Ich habe so viel über mich selbst gelernt und erfahren dürfen, dass man, wenn man an sich glaubt, alles schaffen kann. Der Rollstuhl spielt keine Rolle. Oftmals spielt er nur für einen selbst eine Rolle. Man setzt sich selbst Grenzen, die eigentlich gar nicht da sind. Durch diese besondere Zeit konnte ich meinen Horizont erweitern.“ Diese Grenzen hat Nicole überschritten, und zwar nicht nur lokal.